"Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus"

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"Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus"

Beitragvon Gast » 30. Jan 2009 16:13

Christine Lavant "Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus"


Als Klassiker der österreichischen Nachkriegsliteratur habe ich die Renzension in diese Kategorie eingeordnet.

Unmittelbar und schnell, fast zu schnell, wird der Leser in das Geschehen hineingezogen. Aus den Aufzeichnungen einer Insassin, die sich selbst in die Position des Ich-Erzählers stellt und somit auch wertend kommentieren kann, erfährt man den Alltag in einer Irrenanstalt. Als Leser hat man das Gefühl, unmittelbar angesprochen zu werden und verfängt sich schnell in die Handlung und beteiligten Personen.
Von Beginn an begegnet einem die Sprache, roh und trotzdem poetisch, abgehackt, aber erzählerisch, schonungslos offen und doch nur andeutungsweise und es wirkt verstörend so wie die abgerissenen Schilderungen, die rasant Situationen und Personen wechseln, wodurch dem Leser nie Genug Zeit und Raum geschaffen wird, um eine Beziehung und somit Emotion aufbauen zu können. Es stellt sich das Gefühl der Absurdität ein, aber wie sollte es anders sein in einem Irrenhaus?

Alles wird nur kurz, fast grob angerissen und es geht hier nicht um die Einzelpersonen oder besonders schwere Schicksale, sondern um die Sache an sich, den Umstand, dass es hier um erkrankte Emotionen geht, die nicht fassbar sind.
Nicht nur die Insassen leiden darunter, auch das Personal, welches in unterschiedlicher Weise beschrieben wird, fast so, als könne sich die Autorin nicht entscheiden, ob sie eine Verurteilung, Verständnis oder Rechtfertigung verdient hätten. Es gibt Schwestern und Ärzte, die recht kühl und distanziert erscheinen, aber auch solche, denen durchaus menschliche, warme Züge gegeben werden und am Ende wird sogar eine Art der Absolution erteilt, denn wie sonst sollte sich das Personal selbst schützen, wenn nicht durch schematisierte Arbeitsabläufe, die keinen Raum bieten für Zwischenmenschliches.
Etwaige Behandlungsmethoden wie das Anlegen der Zwangsjacke oder das Verabreichen von Arsen oder Schlafmitteln, werden so beiläufig knapp erwähnt, dass sie gar nicht brutaler wirken könnten.
Eine Handlung an sich gibt es nicht und auch selten Tages- bzw. Zeitangaben, die Erzählung wird dem Leser mehr oder weniger vor die Füße geschmissen, ganz nach dem Motto ?Friss Vogel oder stirb?, denn so ist das Leben.

Dieser Ort und v.a. der recht knappe Umfang der Aufzeichnungen lässt keinen Platz für schmalzige Sentimentalitäten, denn sonst bräuchte der Leser viel mehr Zeit, um in die Echtheit der Handlung einzudringen. So aber gelingt es der Autorin, den Leser von der ersten Zeile an mit ihrer authentisch kühlen Sprache, mit der ganzen Tragik zu erschlagen, zu fesseln, vorzuführen.

Was ist die Lösung und gibt es eine? Die Frage scheitert schon fast daran, dass man das wofür nicht definieren kann. Muss es eine Lösung für die Insassen geben oder eine für die Absurdität der Welt da draußen? Die Autorin kommt auf die Liebe zu sprechen .... welche Liebe? Muss sie erwidert werden oder genügt es, wenn wir sie in uns haben? Müssen wir nicht zuerst uns selbst lieben, aber ganz langsam und behutsam? Ihre Liebe wird nicht erwidert, weil sie nicht einmal erkannt wird und auch die Schilderungen zwischenmenschlicher Beziehungen, des Liebesaustausches zwischen den Patienten und Angehörigen oder untereinander sind nur einseitig und wirken gescheitert. Es sind Patienten, die keine Liebe erwarten, weil sie noch nie geliebt wurden, nicht einmal sich selbst lieben können. Vielleicht ist das die Antwort, wenn es überhaupt eine gibt. Die Ich-Erzählerin legt sich keinesfalls fest, deutet nur unsicher an und resigniert. Das ist ihre Entwicklung, die Suche nach einer Antwort, einem Warum und schließlich die Resignation vor dem grausamen Spiel des Lebens, eines Gottes oder Teufels, wenn man es so sehen will und auch die Liebe kann wohl keine Rettung sein, weil sie aus uns nur Spielgefährten macht, Marionetten zur Belustigung derer, die dieses Spiel mit uns spielen.

Die Ich-Erzählerin wird nach sechs Wochen entlassen, aber der Ton, in dem sie dies in aller Kürze notiert, zeigt deutlich, dass sie bereits resigniert hat noch ehe sie wieder in das Leben geschmissen wird.

Dieses Buch ist allemal lesenswert, literarisch wertvoll und in hohem Maße menschlich, ohne Zeigefinger und Moral, einfach authentisch und still und somit eine umso brutalere Anklage des Lebens.
Als einzigen Kritikpunkt könnte man die Kürze des Werkes anbringen, denn sobald man sich endgültig auf den Ton der Erzählerin eingelassen hat, ist es auch schon wieder zu Ende.


Fazit:
Ein überaus empfehlenswertes Stück Literatur der österreichischen Nachkriegszeit.


Liebe Grüße
Trevor
Gast
 

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