Wolfgang Leonhard "Die Revolution entlässt ihre Kinder&

AbonnentenAbonnenten: 0
LesezeichenLesezeichen: 0
Zugriffe: 121

Wolfgang Leonhard "Die Revolution entlässt ihre Kinder&

Beitragvon Gast » 10. Aug 2008 21:09

Wolfgang Leonhard ? Die Revolution entlässt ihre Kinder?

Wolfgang Leonhard, der als deutscher Emigrant zehn Jahre in der Sowjetunion lebte und Ende April 1945 mit der ?Gruppe Ulbricht? als einer der ersten Deutschen überhaupt wieder in die Heimat zurückkehrte, berichtet über seine Erfahrungen während dieser Zeit und darüber hinaus über seine Zeit als Parteifunktionär bis hin zum Bruch mit dem Stalinismus Ende der 40er Jahre.

In einfachem Sprachstil schildert er die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Geschehnisse dieser Zeit aus einer subjektiven Erinnerung heraus und spart auch nicht an der Darstellung der damals empfundenen Emotionalität, weshalb sich das Buch stellenweise wie ein Roman lesen lässt.
Trotzdem fehlt es der Darstellung nie an entsprechender Sachlichkeit und gerade diese Mixtur aus der Schilderung historisch bekannter Ereignisse und der ganz persönlichen, emotional geprägten Auffassung der damaligen Geschehnisse lässt dieses Buch so überaus lebendig und, was noch viel wichtiger ist, glaubhaft werden.

Wolfgang Leonhard klettert nicht einfach nur die Geschichtsleiter rauf und runter oder handelt irgendwelche historischen allgemein bekannten Begebenheiten im Schnelldurchlauf ab, sondern stellt gleichzeitig die Absurdität dieser Ereignisse in den Vordergrund, die er wiederum mit seiner eigenen abgestumpften Emotionalität belegt.

Er kam als Kind nach Moskau, wurde mit sozialistischen Werten erzogen, politisch und philosophisch auf die Unfehlbarkeit Stalins getrimmt und in dem Glauben an eine Ideologie dermaßen gestärkt, dass er kaum einen Zweifel zuließ.
Trotzdem musste er sich immer wieder Gedanken machen über die Zeit der großen Säuberung (1936 ? 1938), der auch seine Mutter zum Opfer fiel und während der ein Großteil derer, die unter Lenin führende politische Persönlichkeiten waren und als Vorbilder dienten als Verräter eliminiert wurden, über den unmotivierten Angriff der Russen auf Finnland, über den Hitler-Stalin-Pakt, der plötzlich in der sowjetischen Propaganda dergestalt eine Wende brachte, als dass man den Begriff ?Antifaschismus? nicht mehr in den Mund nehmen durfte und Deutschland zum großen Freund wurde. Er machte sich Gedanken darüber, dass viele Lehrer und Genossen, die ihr ganzes Leben der Partei widmeten wegen einer nebensächlichen, unpolitischen Aussage von einem Tag auf den anderen spurlos verschwanden, darüber, dass er selbst aufgrund einer völlig bedeutungslosen Sache, die sich während seiner Zeit auf der Schule der Kommunistischen Internationale zugetragen hatte wie ein Schwerverbrecher angeklagt wurde und dabei feststellen musste, dass jede noch so kleine, von ihm getroffene Äußerung während seiner Lehrzeit an dieser Einrichtung notiert und jetzt gegen ihn verwendet wurde. Er machte sich Gedanken über die Kluft zwischen der unglaublichen Armut der einfachen Bevölkerung der SU und den Privilegien der Parteifunktionäre, über die Art der Informationsdosierung für das einfache Volk, über die kalte, gnadenlose Funktionalität der stalinistischen Parteifunktionäre und darüber, was er von der deutschen Bevölkerung über die Greueltaten der Sowjetarmee hören musste.

Auch wenn er es kaum zulassen will, muss er doch feststellen, dass sein Bild von der Sowjetunion, welches ihm als Kind eingeimpft wurde, langsam zu bröckeln beginnt, bis es schließlich völlig zerbricht.
Bereits mit Zweifeln nach Deutschland kommend schöpfte er hier jedoch wieder Hoffnung auf die Errichtung eines sich selbstständig und völlig unabhängig von der UdSSR entwickelnden sozialistischen deutschen Staates unter Einfluss der deutschen Arbeiterklasse. Diese Hoffnung, anfangs durch die von Anton Ackermann gestellten Thesen einer notwendigen selbständigen deutschen Entwicklung in der SBZ geschürt, wurde mit der nicht ganz zwanglosen Vereinigung der KPD und SPD zur SED und der anschließenden Annäherung an die Sowjetunion zunichte gemacht.
Weiterhin missfiel Wolfgang Leonhard die kühle Arroganz und abschätzige Behandlung, die den deutschen Kommunisten und Sozialdemokraten von seiten der in die SU emigrierten deutschen Kommunisten entgegengebracht wurde.
Zum absoluten Bruch mit dem Stalinismus wurde er letztendlich nach den haltlosen und auf einer riesigen Lüge basierenden Vorwürfe gegen die jugoslawische KP getrieben, für die er selbst viel Sympathie empfand.
Den Mut Jugoslawiens, sich offiziell gegen Stalin und dessen Forderungen zu wenden, imponierte Leonhard sehr und veranlasste ihn schließlich dazu, seine Flucht nach Belgrad zu planen.
Später, nachdem er in die BRD flüchtete, schrieb er dieses Buch, das 1955 erstmals veröffentlicht und sofort zu einem weltweiten Erfolg wurde.

Wolfgang Leonhard wirkt in diesem Buch weder verbittert noch durch Rachsucht dazu verleitbar, irgendjemanden diffamieren zu wollen. Er wirkt vielmehr traurig und enttäuscht, dass er in einem Glauben aufgewachsen und verankert war, der sich letztendlich als eine fatale Lüge und Fehleinschätzung entpuppte.

Ich kann dieses Buch nicht nur denen weiter empfehlen, die sich für diesen Themenbereich interessieren, sondern auch und v.a. denjenigen, die sich für Politik im Allgemeinen interessieren. Da Wolfgang Leonhard in seiner politischen Laufbahn, als langjähriges Mitglied des Komsomol, während seiner Ausbildung auf der Kominternschule, seiner Zeit als Mitarbeiter des Nationalkomitees ?Freies Deutschland?, seiner Zugehörigkeit zur ?Gruppe Ulbricht? und seiner anschließenden Arbeit als Funktionär im Zentralsekretariat der SED tiefe Einblicke in den politischen Apparat der SU hatte und seine Beobachtungen dem Leser nicht vorenthält, erfährt man einiges über die Funktionsweise dieses perfiden Systems und Politik an sich.



Liebe Grüße
Trevor
Gast
 

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

cron