Josephine Tey: Alibi für einen König

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Josephine Tey: Alibi für einen König

Beitragvon Bernhard Nowak » 14. Mär 2013 22:44

Der historische Kriminalroman: "Alibi für einen König" von Josephine Tey hat mich sehr beeindruckt. Die Autorin ist davon überzeugt, dass die Tudors als Nachfolger der Plantagenets und deren letzten König Richard III. Geschichtsfälschung betrieben hätten, und sie bemüht sich um eine gerechte oder zumindest objektivere Geschichtsschreibung über Richard III. Zum Anlass ihrer "Geschichtskritik" nimmt sie ein Portrait des Königs durch einen unbekannten flämischen Maler. Er wirkt dort sehr bekümmert und viel älter als 31 Jahre. Das Portrait aus dem Jahre 1484 entstand ein Jahr vor seinem Tode in der Schlacht bei Bosworth im Kampf gegen Heinrich Tudor.
Der ermittelnde Inspektor liegt im Krankenhaus - aufgrund einer Verletzung zur Untätigkeit verdammt - sieht das Bild und kommt ins Grübeln. Da er selber nicht handeln kann, versucht er, mit Hilfe eines Assistenten "Licht ins Dunkel" zu bekommen. Ergebnis: Geschichtsfälschung! Die Tudors haben systematisch das Bild ihres Vorgängers verfälscht und heute ist Richard III. durch Shakespeare "unsterblich böse gezeichnet".

Ob nun diese "Rehabilitierung" der Plantagenets und die Anklage, die Tudors hätten Richard III. den Mord an seinen Neffen untergeschoben, der Wahrheit entspricht, bleibt offen. Gisbert Kranz urteilt in sienem Kurzportrait über Richard III. in seinem Buch "Warum wurden sie Despoten?" (Forschungsstand: 1992) diesen Sachverhalt deutlich vorsichtiger und wagt sich hier nicht endgültig festzulegen.

Interessant ist jedoch, daraus einen historischen Kriminalroman mit den Tudors als "Täter" zu machen. Er ist atemberaubend spannend geschrieben, allerdings "schießt" er - wie oben beschrieben - historisch über das Ziel hinaus: das Verhalten Richards III. ist nach wie vor zweideutig (zumindest ab seiner Krönung und der Ermordung seiner Neffen 1483). Dies wird in diesem Roman zu wenig herausgearbeitet. Außerdem betreibt die Autorin irgendwie "Etikettenschwindel": sie schreibt einen - wunderbaren! - historischen Roman und "verkauft" diesen - sehr ideenreich!!! - als Krimi. Nun ja, sie wußte schon damals, wie man die Auflage steigern kann.
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Bernhard Nowak
 
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Re: Josephine Tey: Alibi für einen König

Beitragvon Ermione » 20. Mai 2013 13:04

Was den "Etikettenschwindel" betrifft, könnte dieser vielleicht auch dem Verlag bzw. den damaligen "Vermarktungsbedingungen" anzulasten sein. (Im deutschen Sprachraum wurde mir erst neulich wieder gesagt, dass Autoren/innen auch heute in erster Linie auf ein Genre eingegrenzt werden, z. B. von Kriminalautor/innen werden Krimis erwartet, nicht Liebesromane, Kinderbücher oder historische Romane. Will er / sie es mit einem anderen Genre versuchen, so ist es üblich, entweder ein Pseudonym zu verwenden oder den neuen Roman so zu schreiben, dass er wenigstens pro forma als Krimi vermarktet werden kann. (Ich weiß allerdings nicht, wie das auf dem anglo-amerikanischen Markt aussieht.)

Josephine Tey (eigentlich Elizabeth Mackintosh, geb. 1896; gest. 1952) war eine Kriminalschriftstellerin. (Daneben versuchte sie es auch als Theaterautorin, allerdings unter einem männlichen Pseudonym: Gordon Daviot.) Bekannt ist sie vor allem durch ihre Krimis, in denen Scotland-Yard-Inspector Alan Grant ermittelt, was auch in "Alibi für einen König" der Fall ist. Der Roman könnte somit durchaus als ein weiterer Fall für Inspektor Grant gesehen werden, und das war vielleicht auch der Trick, mit es Tey, falls sie tatsächlich einen historischen Roman schreiben wollte, gelungen ist, den Verlag zur Publikation zu bewegen.

Der Originaltitel dieses Romans ist übrigens "The Daughter of Time", also ein Titel, der von dem Titel der deutschen Übersetzung stark abweicht und im Vergleich zu diesen abstrakt ist. "Tochter der Zeit" ist eine Umschreibung für den Begriff "Wahrheit". Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhundert.also auch zu Lebzeiten der Autorin, wurde tatsächlich davon ausgegangen, dass spätere Generationen eher imstande sind, etwas richtig zu beurteilen, als die Zeitgenossen/innen, die direkt dabei waren und somit nicht objektiv urteilen konnten, eine Meinung, die ich in dieser Form absolut für unrichtig halte und die übrigens inzwischen jedenfalls kritischer gesehen wird.

Da ich den Roman selbst nicht gelesen habe, meine Kenntnisse darüber stammen aus der Sekundärliteratur, also aus zweiter Hand, kann ich natürlich nicht beurteilen, ob der deutsche Titel zumindest mit Blick auf die Handlung korrekt ist. (Grundsätzlich glaube ich nämlich nicht, dass Richard für den Mord an seinen Neffen, falls er der Täter war oder ihre Ermordung tatsächlich selbst befohlen hat, ein Alibi für die Tatzeit benötigt hätte.)

Persönlich gibt es mehrere Theorien zu den "Princes of the Towers" , was natürlich damit zusammenhängt, dass inzwischen zwar Knochen im Tower gefunden wurden, die tatsächlich von Edward V. und seinem Bruder stammen könnten, die Todesursache aber bis jetzt nicht einwandfrei geklärt ist . Dass Richard III. seine Neffen ermorden ließ, um selbst den Thron zu übernehmen oder sich nach der Thronübernahme abzusichern, ist plausibel. (Es gibt einige Beispiele in der britischen Geschichte, dass jemand König/in war, der ein illegaler Nachkomme war bzw. zu diesem erklärt worden war. Deshalb dürfte die Theorie mit ihm als Mörder auch bis heute als die wahrscheinlichste gelten. Sollte Richard III. nicht für den Tod seiner Neffen verantwortlich sein, so kann ihm wohl nicht der Vorwurf erspart werden, dass er in dieser Sache äußerst ungeschickt agiert haben dürfte. (Gerüchte diesbezüglich dürfen bereits zu seinen Lebzeiten aufgetaucht sein.)
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Re: Josephine Tey: Alibi für einen König

Beitragvon Bernhard Nowak » 20. Mai 2013 22:20

Diese englische Wikipedia-Seite präsentiert die Hauptargumente Josephine Teys für ihre Theorie:
http://en.wikipedia.org/wiki/The_Daughter_of_Time

The main arguments presented in the book in defence of King Richard:

There was no political advantage for Richard III in killing the young princes. He was legitimately made king.
There is no evidence that the princes were missing from the Tower when Henry VII took over.
Although a Bill of Attainder was brought by Henry VII against Richard it made no mention of the princes. There never was any formal accusation, much less a verdict of guilt.
Henry never produced the bodies of the dead princes for public mourning and a state funeral.
The mother of the Princes, Elizabeth Woodville, remained on good terms with Richard.
The Princes were more of a threat to Henry VII as the foundation of his claim to the crown was significantly more remote than theirs.


Ein ungelöstes Rätsel bis heute, denke ich.
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Re: Josephine Tey: Alibi für einen König

Beitragvon Ermione » 21. Mai 2013 13:16

Ich habe in einer Biographie über Richard III. einmal eine Überlegung vorgefunden, dass Edward V. und sein Bruder möglicherweise gar nicht ermordet wurden, sondern unter, bald nach ihrer letzten offiziellen Erwähnung, an einer Krankheit verstorben sein könnte. Der Autor dieser Biographie (ich weiß leider nicht mehr seinen Namen, es ist schon wieder Jahre her) argumentierte damit, dass z. B. in den Jahren, als Richard III. König war, mehrere Schweißfieberepidemien für London nachgewiesen sind, also Tod durch Krankheit zumindest eine Möglichkeit sein könnte.

Der Autor, der übrigens sich in seiner Biographie diesbezüglich nicht festlegt, er bietet nur mögliche Erklärungsmodelle an, diskutierte hier übrigens mit Blick auf andere britische Herrscher wie William I. oder Edward II. auch die Frage, in wieweit die Gültigkeit der Ehe von Edward IV. und Elizabeth Woodville tatsächlich für die Nachfolge ihrer Söhne von Bedeutung war.
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Re: Josephine Tey: Alibi für einen König

Beitragvon Demona » 22. Mai 2013 13:47

Es scheinen sich auch sehr viele eher an Shakespeare zu orientieren, als an der Geschichtsschreibung. Dessen Geschichte wirft natürlich kein gutes Bild auf ihn. Und dass man Konkurrenz beseitigt, ist ja auch nicht so unüblich, siehe Elisabeth I., die ja ihre härteste Konkurrentin, Maria Stewart beseitigen lies.

Letztens kam eine interessante Dokumentation darüber, ob Elisabeth I. an dem Tod der Ehefrau ihres Geliebten mitschuldig ist. Ihr Tod wurde als Unfalltod eingestuft, obwohl viele davon ausgingen, dass ihr Ehemann sie beseitigen wollte, um Elisabeth heiraten zu können. Anhand der Verletzungen und der Treppen etc. konnte auf jeden Fall festgestellt werden, dass es kein Unfall oder Selbstmord war. Man ging auch nicht unbedingt davon aus, dass der Ehemann oder die Königin etwas damit zu tun hatten, da beiden der Tod der Ehefrau nichts gebracht hätte. Man ging eher davon aus, dass es einer der Günstlinge von Elisabeth`s Berater (komme gerade nicht auf den Namen) oder er selber waren, um den Geliebten in Misskredit zu bringen und selber nicht seinen Einfluss auf die Königin zu verlieren.
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Re: Josephine Tey: Alibi für einen König

Beitragvon Ermione » 22. Mai 2013 21:17

Der Tod von Amy Robsart, der Ehefrau von Robert Dudley, später Earl of Leicester, ist übrigens immer wieder Thema von Romanen über oder um Elizabeth I. gewesen (und wenn es um Maria Stuart geht, wird dieser Handlungsstrang gerne verwendet, um die beiden Königinnen als Kontrastfiguren zu zeigen, während Elizabeth akzeptiert, dass nach dem Tod der Frau ihres "Liebhabers", eine Verbindung mit ihm nicht mehr möglich ist, macht Maria den Fehler und heiratet den Hauptverdächtigen bei der Ermordung ihres zweiten Ehemannes und richtet sich damit zu Grunde).

Ein recht bekannter Roman über Amy Robsart war z. B. "Kenilworth" von Sir Walter Scott, der es sogar die Grundlage zu einer Oper brachte (von Gaetano Donizetti), wo allerdings Amy überlebt und es ein Happyend gibt.

Ich habe vor einiger Zeit einen Roman der deutschen Unterhaltungsautorin Tanja Kinkel gelesen, den ich zu ihren gelungenen Büchern zählen würde: "Im Schatten der Königin".
Die Idee, den Tod der Amy Robsart zum Zentrum eines Whodunit zu machen, ist zumindest naheliegend, und dass Leicester einen Vertrauten zum Tatort schickt, der heimlich in seinem Auftrag Nachforschungen anstellen soll (sozusagen der Detektiv in diesem Roman), warum eigentlich nicht. (Dass der Ermittler, der keineswegs besonders raffiniert agiert, auch einen eigenen Konflikt bewältigen muss, in den Amy verwickelt war), macht den "plot" eindeutig unterhaltsamer, ebenso seine Auseinandersetzungen mit einer Zeugin, mit der er zufällig auch einmal verlobt war.)
Eine Nebenhandlung, die eigentlich unnötig ist, aber keineswegs stört oder langweilt, ergibt sich dadurch, dass Kate Ashley, die Vertraute von Königin Elizabeth, ebenfalls Nachforschungen anstellen lässt. (Ich vermute, diese Handlung wurde von der Autorin eingebaut, um auch Elizabeth I. und ihre Lage ein wenig zu beleuchten. (Kinkel zeichnet ein etwas anderes Bild von Elizabeth, als es zurzeit in den "historischen" Romanen, besonders aus dem anglo-amerikanischen Raum üblich ist, Paradebeispiel Philippa Gregory mit "Die Hofnärrin" oder "Der Geliebte der Königin". Ihre Elizabeth ist keine ordinäre und launenhafte Keife, die von Beratern wie Cecil an diversen Dummheiten gehindert wird, sondern Kinkel zeichnet eine kühle, aber sympathische Elizabeth, die loyal zu denen steht, die ihr persönlich wichtig sind, und die sich durch den Todesfall in einer schweren inneren Konflikt befindet. Sie weiß genau, was sie tun wird, falls sich Leicester als Täter herausstellt und ist sicher, dass er jeglichen Ausweg, um es ihr zu ersparen, ablehnen wird.)
Anders als Elizabeth oder Kate Ashley ist Leicester bei Kinkel ein wenig undurchsichtig, allerdings keineswegs unsympathisch. (Der typische Oberverdächtige in einem Whodunit, bei dem selbst der Detektiv sich nicht ganz sicher ist, ob er nicht doch zumindest bei dem Mordfall seine Finger im Spiel hatte.)
Erfreulicherweise ist Amy, über die es kaum Fakten gibt und die bereits zu Beginn der Handlung tot ist, hier einmal nicht ausschließlich das bedauernswerte und hilflose Opfer, zu dem sie die meisten Romane machen.
Was die Auflösung betrifft, die sich Kinkel ausgedacht hat, so ist sie (mein persönlicher Eindruck) originell genug, um zu überraschen, aber auch schlüssig genug, um als Möglichkeit durchzugehen. (Zumindest in einem Roman.) Insgesamt ist dieser (historische Kriminal-)Roman nicht nobelpreisverdächtig, aber gelungene Unterhaltung.
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Re: Josephine Tey: Alibi für einen König

Beitragvon Bernhard Nowak » 1. Jul 2013 21:22

Hallo Ermione,
ich habe jetzt mit der Lektüre des Buches angefangen und finde es ausgesprochen spannend und atmosphärisch sehr gut gelungen.
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Re: Josephine Tey: Alibi für einen König

Beitragvon Ermione » 14. Mai 2017 09:36

2015 gab es übrigens eine Leserunde zu "Im Schatten der Königin" mit der Autorin im Forum Büchereule, nachzulesen unter folgendem Link: http://www.buechereule.de/wbb2/board.php?boardid=1737. Die Kommentare von Tanja Kinkel habe ich damals sehr aufschlussreich gefunden.
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