Akte X - Staffel 1

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Akte X - Staffel 1

Beitragvon nevermore » 8. Mär 2018 00:24

Die Serie war in dieser Staffel noch sichtbar in den Kinderschuhen. Nur wenige Mytharc-Episoden, und auch sonst so einige, die man in die Tonne treten konnte. Nichtsdestoweniger sind einige sehr gute Folgen außerhalb des Mytharcs drin.

Mytharc-Episoden (kursiv die absolut unerlässlichen):

1X01: Pilot (Gezeichnet)
1X02: Deep Throat (Die Warnung)

1X04: Conduit (Signale)
1X10: Fallen Angel (Gefallener Engel)
1X11: Eve (Eve)
1X17: E.B.E. (Täuschungsmanöver)
1X24: The Erlenmeyer Flask (Das Labor)
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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon Bernhard Nowak » 14. Mai 2018 08:40

Ich habe mir den Auftaktfilm "Gezeichnet" mittlerweile angesehen, weiß aber nicht, was ich davon halten soll und bin verunsichert. Bewusst habe ich noch keine Kommentare und Interpretationen dazu gelesen, um meinen "ersten Eindruck" nicht durch Gelesenes zu verwischen. Zusammenfassung der Handlung nochmals hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Gezeichnet_(Akte_X)]
Was mir aufgefallen ist:
- sehr spannende Mischung aus Thriller und Fantasy-Elementen
- zum Teil richtig beklemmend

Für mich zu schnell geht die Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren im Pilotfilm, Scully und Mulder. Erst mögen sie sich gar nicht, die Frau wird vom Mann richtig angefahren, dann auf einmal plötzlich - so empfinde ich dies - "ein Herz und eine Seele?" Ich weiß nicht so recht, was ich davon halten soll. Für mich funktioniert - basierend auf dem Auftaktfilm - die Sache als Thriller oder Fantasy sehr gut, den - möglichen - Realitätsbezug ("beruhend auf wahren Ereignissen") sehe ich skeptisch oder nicht so sehr. Die Erklärung auf Wikipedia: "Am Anfang der Episode erscheint der Schriftzug: „Der folgende Film stützt sich auf Tatsachenberichte.“ Damit ist jedoch nicht gemeint, dass die Agenten Mulder und Scully oder deren Arbeit an den X-Akten wirklich existieren würden. Auch die Ereignisse in Bellefleur, Oregon, und sogar die Stadt selbst sind reine Fiktion. Mit den Tatsachen sind die einzelnen typischen Phänomene gemeint, welche normalerweise mit UFO-Erscheinungen und Entführungen durch Außerirdische einhergehen. Dazu zählen Implantate, verlorene Zeit, Narben an den Körpern von Entführungsopfern sowie das charakteristische gleißende Licht." ist wohl zutreffend, aber dennoch brauche ich wohl noch einige Zeit, mich an die Serie zu gewöhnen. Ich weiß - wie gesagt - noch nicht so recht, was ich von der Pilotepisode halten soll und habe deshalb auch die weiteren Folgen noch nicht gesehen.
Jetzt weiß ich wenigstens, woran mich die Serie "Dark" in Netflix erinnert.
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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon nevermore » 14. Mai 2018 11:19

Der Schriftzug am Anfang ist ein Übersetzungsfehler (ich weiß schon, warum ich immer empfehle, die Originale anzusehen; die Synchronisation ist einfach unfähig). Es heißt, "The following story is inspired by actual documented accounts". Inspired =/= stützt sich auf. UFO-Entführungen sind dokumentiert, ob man sie nun glaubhaft findet oder nicht. Aber natürlich sind die konkreten Entführungen in Oregon Fiktion.

Der Satz soll einfach aussagen, dass sich die X-Files in unserem Universum bewegen und nicht in einem fiktiven wie der "Galaxy Far, Far Away" oder dem Potterverse mit seiner magischen Welt, wo von vornherein andere Naturgesetze gelten. (Ob man den Satz in späteren Staffeln noch so stehen lassen kann, ist eine andere Diskussion. Aber für den Pilotfilm gilt er.)

Dass Mulder Scully angefahren hat, habe ich nicht so empfunden. Habe aber die deutsche Synchro lange nicht gesehen, kann sein, dass das da so rüberkommt.
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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon nevermore » 14. Mai 2018 11:32

Der von mir überarbeitete Review-Eintrag zum Pilotfilm:


Folge 1, Staffel 1: "Gezeichnet / Pilot (The X-Files)"

Drehbuch: Chris Carter
Regie: Robert Mandel



Die junge FBI-Agentin Dana Scully wird der Abteilung der X-Akten zugeteilt, die sich mit unerklärlichen Fällen befassen. Sie soll dort die Arbeit von Fox Mulder wissenschaftlich begleiten, dessen Methoden den Argwohn seiner Vorgesetzten auf sich gezogen haben. Ihr erster Fall führt die beiden Agenten nach Oregon, zur Untersuchung einer mysteriösen Mordserie an Teenagern, die alle charakteristische Male am Körper aufweisen. Mulder ist überzeugt, dass sie Opfer von Entführungen durch Außerirdische sind.

Wie bei einem Pilotfilm üblich wird der Fall hauptsächlich dazu benutzt, die Parameter für die Show zu setzen, und die Charaktere und wesentlichen Handlungsvoraussetzungen einzuführen. So werden die X-Akten und ihr Zweck benannt, und Mulder und Scully werden vorgestellt und ihre Charakterisierung in groben Zügen festgelegt: Fox "Spooky" Mulder, der brilliante aber auch kauzige FBI-Agent mit den merkwürdigen Theorien, die ihn zum Außenseiter stempelten. Dana Scully, die wissenschaftlich ausgebildete Agentin, die Skeptikerin ist und ganz auf dem Boden der Tatsachen steht. Der Fall selbst ist eine klassische X-Akte, es geht um eine Entführung durch Unbekannte, an den Opfern wurden Experimente vorgenommen.

Interessanterweise ist Scully die erste der beiden Charaktere, die uns vorgestellt wird. Oft wurde argumentiert, dass Scully die eigentliche Protagonistin ist, und nicht Mulder. Tatsächlich folgen die Zuschauer Scully, und werden zusammen mit ihr in die X-Akten eingeführt. Als Blevins ihr von ihrem neuen Job erzählt, weiß man als Zuschauer genauso wenig wie sie, und fragt sich, was für ein Typ dieser Mulder wohl ist (wenn man aufmerksam ist, fragt man sich auch, wer dieser Raucher ist, der wortlos alles beobachtend im Hintergrund steht).

Mulder wird uns, noch bevor wir ihn zu sehen bekommen, in zwiespältiger Weise vorgestellt. Einerseits lobt Scully seine Qualifikationen in den höchsten Tönen, andererseits wird beim Gespräch in Blevins Büro auch deutlich, dass er sich mit seltsamen Theorien beschäftigt und unorthodoxe Vorgehensweisen pflegt, und die Vorgesetzten wohl mit ihrer Geduld langsam am Ende sind. Sein Büro befindet sich im Keller, ohne richtige Fenster, schon der Zugang ist mit allem möglichen Gerümpel halb verstellt. Das Büro selber ist ein heilloses Chaos und hat nichts mit den aufgeräumten Tischen in den Großraumbüros oben im Gebäude gemein. Als Scully sich dort hinunter begibt, ist die Symbolik klar: Sie verlässt ihr bisheriges geordnetes Leben und steigt hinab in die Unterwelt.

Die erste Begegnung der beiden lässt dann auch vermuten, ganz so schräg hat sich Scully Mulder nach den Berichten wohl doch nicht vorstellt. Er stellt sich vor als "The FBI's most Unwanted". Im Büro selber stapeln sich unübersichtlich Akten und Utensilien, an der Wand das "I Want To Believe"-Poster (interessant, dass in der Episode die Sonnenblumenkerne auch schon da sind). Es wurde viel über Carters Umkehrung der Geschlechterrollen geschrieben und tatsächlich wird gleich in dieser Szene klar, dass es hier Mulder ist, der dem Irrationalen, Intuitiven und auch Fantastischen zugeneigt ist (was üblicherweise der rechten Gehirnhälfte und "dem Weiblichen" zugeordnet wird), während Scully die rationale, sich auf Fakten und wissenschaftliche Methoden Verlassende ist (üblicherweise der linken Gehirnhälfte und "dem Männlichen" zugeordnet). Mulder macht sie gleich darauf aufmerksam, dass bei seiner Arbeit die Königin der Wissenschaften, die Physik, selten anwendbar ist. (Interessanterweise hat Scully eine Undergraduate Thesis in Physik geschrieben - nicht alltäglich für eine Medizinerin - aber nicht in irgendeiner physikalischen Disziplin, sondern in der Quantenphysik, in der selbst diverse klassischen physikalischen Gesetzmäßigkeiten nicht zu gelten scheinen. Könnte sein, dass da für Scully schon ein Weg aus dem szientistischen Dogma bereitet wurde.)

Zu Beginn der Untersuchungen prallen die beiden Sichtweisen immer wieder aufeinander, und während Mulder etwas herablassend und konfrontierend ist, lässt Scully ihrerseits durchblicken, dass sie Mulders Theorien nicht ernst nehmen kann. Dennoch wird recht schnell klar, nämlich gleich in der zweiten Nacht im Motel, dass Scully nicht nur die toughe Wissenschaftlerin ist, der so ein läppisches Implantat nicht den Schlaf rauben kann, als sie wegen ein paar Mückenstichen regelrecht in Panik verfällt und zu Mulder rennt. Der wiederum zeigt, dass er sehr wohl eine fürsorgliche Seite an sich hat, und nimmt sich ihrer an, ohne zu versuchen, die Situation auszunutzen. Als er ihr dann von dem Verschwinden seiner Schwester erzählt, von der er glaubt, dass sie von Außerirdischen entführt wurde, ist der Grundstein für gegenseitiges Vertrauen gelegt.

Insgesamt wirkt Scully in dieser Folge noch sehr naiv, lehrbuch- und autoritätsgläubig (so übergibt sie z.B. Blevins den einzig verbleibenden Beweis), aber ihr Vertrauen in die Autoritäten wird schon durch die Vernichtung der Beweise deutlich erschüttert. Auch ihr Lehrbuch-Glaube ist nicht so fest, wie es den Anschein hat - die unerklärlichen Erlebnisse während der Arbeit an diesem Fall rütteln sie ziemlich durcheinander, und nachdem sie den Waldboden an Billy Miles Füßen entdeckt, muss Mulder sie sogar warnen, sie solle daran denken, dass sie über ihre Schlussfolgerungen einen Bericht schreiben muß. Dennoch ist Scully am Ende der Episode nicht zugegen, als Mulder im Wald das gleißende Licht sieht. Dass Scully woanders ist / zu spät kommt / bewusstlos ist, wenn irgendwas Unerklärliches passiert, ist ja beinahe schon Running Gag in den ersten Staffeln.

Gegeben, dass Scully eigentlich den X-Akten zugeteilt wurde, um Mulder zu diskreditieren, glaube ich, dass Blevins einen psychologischen Fehler machte, als Scully ihm am Ende berichtete und er sie so ein bisschen abkanzelte, weil sie keine Beweise vorbringen konnte. Damit musste sie gleich einmal ein paar Meter in Mulders Mokassins laufen und kriegte zu spüren, wie es ist, wenn man etwas zweifelsfrei gesehen hat und einem keiner glaubt. Das brachte sie gleich etwas in Oppositionshaltung und auf Mulders Seite, wie man an der etwas trotzigen Übergabe des Implantats erkennen konnte.

Im Hinblick auf die Handlung des Pilotfilms geht es um Entführungen durch Außerirdische und Opfer, an denen Experimente vorgenommen wurden, ein Kernthema der X-Akten.
Die Experimente in Bellefleur sind Teil der frühen Hybridisierungsexperimente; es sind keine offensichtlichen äußeren Merkmale zu erkennen, aber die Leichen zerfallen nach dem Tod in eine nicht-menschliche Gestalt. Sowohl Billy Miles als auch Theresa Nemman tauchen später in der Serie im Zusammenhang mit Experimenten wieder auf.
Die Entführten haben Implantate, die Auswirkungen auf Krankheiten haben und die Testpersonen lenken können. Das Versagen von Elektronik und unerklärliche 9-Minuten Zeitverlust bei außerirdischen Entführungen sind bereits ein Storyelement. Es werden fast alle Beweise, die Mulder und Scully gesammelt haben, vernichtet. Den einzig verbleibenden, das Implantat, deponiert der Raucher am Ende der Episode in einem riesigen Archivraum im Pentagon. Klar ist, dass es im FBI Leute gibt, die Bescheid wissen, und auch das Verteidigungsministerium eine Rolle spielt. Die Show deutet hier schon die Existenz dunkler Machenschaften und einer großen Verschwörung an - schon zuvor hatte Mulder Scully von diesem Verdacht erzählt. Er glaubt nicht nur, dass seine Schwester von Außerirdischen entführt wurde und weiterhin Leute entführt werden, sondern auch, dass die Regierung darüber im Bilde ist. Er glaubt, dass er nur weiter arbeiten darf, weil ihn jemand im Senat protegiert.
Das ist im Kern richtig, nur ist der Senatskontakt - Matheson - bei Weitem nicht der wichtigste Player, der ihn schützt.
Er sagt Scully auch, dass sie ein Teil der Agenda gegen ihn sei - was auch seine psychologische Wirkung hat, da jemand wie Scully natürlich nicht gern als ein unwissentliches Werkzeug anderer gesehen werden will.

Der Pilotfilm ist überschrieben mit "The following story is inspired by actual documented accounts". Inspiriert vor allem von der Politik der USA in der Nachkriegszeit, und den Geschehnissen in der Watergate-Affäre. Im tieferen Sinn kann diese Tagline weniger auf dokumentierte Fälle von vermeintlichen Entführungen durch Außerirdische bezogen werden, als auf dokumentierte Fälle von Regierungen oder Teile derer, die lügen, die Öffentlichkeit täuschen und eine versteckte eigene Agenda verfolgen.

Im Hinblick auf filmische Einflüsse ist neben dem offensichtlichen "Close Encounters of the Third Kind" und der Anspielung auf "Raiders of the Lost Arc" am Ende vor allem "Silence of the Lambs" zu nennen. Die Figur der Dana Scully ist nach Carters eigener Aussage durch Clarice Sterling inspiriert (nicht zufällig hat Scully rote Haare).

Der Pilotfilm leistet besonders, was die Einführung der Charaktere angeht, m.M.n. erstaunlich viel, das ist wirklich alles sehr geschickt gemacht. Die Chemie zwischen den beiden Hauptcharakteren stimmt von der ersten Szene an. Dann ist da der Raucher, gleich in der ersten FBI-Szene im Büro, und später bei der Befragung von Billy Miles anwesend. Auch die wesentlichen Handlungselemente werden gut eingeführt. Die Inszenierung tut ein Übriges, den Ton für die Serie zu setzen. Der Filmort Vancouver, mit den dunklen, feuchten Wäldern und dem notorischen Wetter, schafft eine perfekte bedrohliche Atmosphäre. Es gibt beängstigende Szenen bei Nacht und im Regen mitten im Wald und auf Friedhöfen, exhumierte Leichen und undurchsichtige Gesetzeshüter, und am Ende ist da wieder der Raucher, der den einzigen Beweis in einer riesigen Lagerhalle im Pentagon verstaut ... eben alles, was eine X-Akte ausmacht.

Insgesamt ist der Pilotfilm einer der besten seiner Art, die ich gesehen habe. Zwar ist die Geschichte jetzt nicht übermäßig spektakulär und streckenweise noch etwas behäbig, und auch die Inszenierung und die Schauspielkunst sind noch nicht auf dem Niveau der späteren Folgen. Dennoch leistet "The X Files" mit Bravour alles, was ein Pilotfilm leisten sollte. Ich gebe fünf von sechs unerklärlichen Körpermalen dafür.
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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon Bernhard Nowak » 14. Mai 2018 11:51

Vielleicht werde ich mir die weiteren Folgen - jetzt habe ich ja Urlaub und etwas mehr Zeit - doch im englischen Original ansehen. Danke für die Hinweise. Jetzt habe ich auch den Bezug zu den "Tatsachen" besser verstanden. Dies wirkt in der Tat beklemmend. Diese Wirkung im Pilotfilm resultiert für mich aus einer klassischen Abgrenzung des Phantastischen Genres von Fantasy. Eine - der zahlreichen - Definitionen von Phantastik lautet ja, dass das Phantastische aus einer anderen Welt in unsere wirkliche Welt "eindringt", die Grenze zweier Welten also überwindet. Dies wirkt häufig düsterer oder bedrohlicher (man denke an die Autoren der Phantastischen Literatur, etwa Poe) als reine Fantasy, in der einer eigenen Welt, die von unserer streng abgegrenzt ist, sich Dinge ereignen, es aber keinen Bezug oder eine Überschneidung zu unserer Welt gibt, auch wenn die dortigen Ereignisse auch in unserer Welt spielen könnten (etwa die Werke von Tolkine oder auch G.R.R. Martin). Ich glaube, darauf - auf die Einführung des phantastischen Elementes - beruht die Wirkung von Akte X - zumindest des Pilotfilms.

Was die beiden Protagonisten im Pilotfilm angeht: Mulder wirft Skully ja vor, ihn ausspionieren zu wollen - und dann ist auf einmal Friede, Freude, Eierkuchen. Die Wendung in der Szene mit den Mückenstichen - die plötzliche Angst der vorher doch so rationalen Skully - ist mir auch als Schlüsselszene oder Wendepunkt aufgefallen. Dies meine ich mit der obigen Bemerkung des Eindringen des Phantastischen, bislang "Unglaubhaften" in die Realität - hier die bislang wahrgenommene Realität oder Welt von Skully. Skully erkennt plötzlich, dass die unwahrscheinlichen, phantastischen Ereignisse doch "wahr" sein könnten - dem Zuschauer "gefriert" es an dieser Stelle plötzlich. Das ist in der Tat sehr gut gemacht.
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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon nevermore » 14. Mai 2018 12:20

Ja, das mit dem Phantastischen Genre im Gegensatz zur Fantasy ist ein guter Punkt. Die X-Files werden ja auch dem Mystery-Genre zugeordnet (das dürfte so in etwa die angelsächsische Entsprechung des deutschen Begriffs Phantastisches Genre sein). Bzw. unter den TV-Serien gelten die X-Files als der wohl wichtigste Vorreiter des modernen Mystery-Genres.

Ich glaube nicht, dass Mulder Scully vorwirft, sie wolle ihn ausspionieren. Sondern dass sie zu diesem Zweck zu ihm geschickt wurde. "I was under the impression... that you were sent to spy on me." Der Vorwurf, wenn es einer ist, geht an Blevins und den Raucher, die hinter der Sache stecken. Scully selber werden hier keine bösartigen Absichten unterstellt, eher schon betrachtet er sie als eine Art willfährige Marionette. "You're a part of that agenda, you know that."

(Transkripts findet man übrigens hier:
http://www.insidethex.co.uk/scripts.htm#one)

Scully passt das übrigens überhaupt nicht ("I'm not a part of any agenda. You've got to trust me. I'm here just like you, to solve this."), diese Vorstellung, von jemanden für dessen eigene Machenschaften benutzt zu werden. Auch das hat Blevins nicht einkalkuliert. Der Plan, die vermeintlich "verlässliche" Scully auf diesen Job anzusetzen, weil man die als schulbuch- und autoritätsgläubig kennengelernt hat, hat schon hier deutliche Kenntnislücken.
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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon Bernhard Nowak » 17. Nov 2018 07:57

Zu Folge 1 ist mir jetzt noch aufgefallen, dass auch für mich als erster Eindruck festzuhalten ist:
Oft wurde argumentiert, dass Scully die eigentliche Protagonistin ist, und nicht Mulder. Tatsächlich folgen die Zuschauer Scully, und werden zusammen mit ihr in die X-Akten eingeführt.
Denn wenn ich es richtig sehe, ist es auch Scully, die eine Entwicklung durchmacht - wie es bei Protagonisten üblich ist. Sie wandelt sich von einer rationalen Person, die außerirdische Dinge zunächst strikt ablehnt, zu einer Person, die am Ende des Pilotfilmes zumindest Zweifel an diesem rationalen Weltbild bekommt. Das ist für mich eigentlich in dieser Pilotfolge das wirklich faszinierende: zum einen das bedrohlich wirkende Eindringen der Fantasy in die angeblich geschlossene, ja heil im Sinne von überschaubar wirkenden Realität (später von den gleichen Machern in der Serie "Grimm" oder auch der Serie "Dark" auf Netflix wiederholt), zum anderen aber keine von vornherein festgelegten, eindimensionalen oder gar statischen Charaktere. Ja, der Pilotfilm gefällt mir gut. Morgen dann mehr zur 2. Folge - hier kommt dann die Parallele zu Watergate ins Spiel. Ansonsten: hervorragende Zusammenfassung und Analyse von Folge 1, Nevermore. Ohne diese Zusammenfassung hätte ich wohl - gerade beim ersten Durchgang - häufig nur "Bahnhof" verstanden. :wink:
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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon nevermore » 17. Nov 2018 10:16

Was mir beim Überarbeiten des Eintrags auffiel, ist, wieviel die Episode auch an Symbolik zu bieten hat. Ich konnte nicht herausfinden, ob Carter irgendeinen Background in diesem Bereich hat (Literaturstudium oder ähnliches), aber es wurde in den späteren Episoden immer deutlicher und so habe ich im Pilotfilm genauer hingeschaut. Über die Umkehrung der Geschlechterrollen wurde ja schon genug gesprochen. Es kann m.E. kaum ein Zufall sein, dass das Büro des für die "weiblichen Eigenschaften" stehenden Mulder im Keller ist, keine richtigen Fenster hat und dort solche Unordnung herrscht. Dort, wo man das Unterbewusste verortet. Schon um dahin zu kommen, muss sie durch enge, dunkle Gänge; toll aus diesem Blickwinkel die Szene, als sie im Dunklen vor der nur einen Spalt geöffneten Tür steht und zögerlich anklopft. Was sie dahinter wohl vorfinden wird? "Sorry, nobody here but the FBI's most unwanted!" Mit dem Unterbewussten und seinen Bedrohlichkeiten und Seltsamkeiten will keiner etwas zu tun haben.

Scully wird symbolisch gesprochen losgeschickt, das Unterbewusste zu treffen, und findet dort erst einmal eine ihr völlig fremde, unverständliche und sogar lächerliche Welt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese markante Szene einfach zufällig so entstanden ist. Wenn doch, wäre es wieder ein Beispiel, wie Kunst ohne bewusste Planung Bedeutung hervorbringen kann.

Womit wir wieder bei Joseph Campbell und seiner Heldenreise sind. Über Mulders "Heldenreise", der ja oberflächlich gesehen der "Held" (oder eher Anti-Held) der Serie ist, wurde viel geschrieben. Aber Scully ist auf ihrer eigenen Reise, und das wird im Verlauf der Serie immer deutlicher werden. Man kann gute Argumente dafür finden, dass ihr Charakterbogen sogar der stärkere ist. Auch wenn die Aussage "Mulder bleibt immer Mulder" sehr kurzsichtig und oberflächlich ist, Scully ist zweifellos diejenige, die die größere Wandlung durchläuft.

Was Mulder angeht, hat Duchovny hier die Figur noch nicht so ganz im Griff, dennoch kommen schon die wesentlichen Eigenschaften herüber. Er ist ein Einzelgänger und Sonderling, sehr gescheit und mit einem bissigen Humor ausgestattet, aber auch ziemlich paranoid. Beim Wiederansehen fiel mir auf, dass hier doch schon sehr auf die Bedeutung von Samanthas Entführung Wert gelegt wird. Schon beim ersten privateren Gespräch erzählt er Scully von dem Vorfall, und betont mit Vehemenz, dass sein Antrieb ist, das Verschwinden von Samantha und die dahinter liegenden Vorgänge aufzudecken. "The government knows about it, and I got to know what they're protecting. Nothing else matters to me!" Nothing else matters - das hätte Scully eine Warnung sein können, wie besessen er von dieser Suche ist. Das ist eine der Szenen, die Duchovny auch hier schon gut rüber bringt - und mir fiel auf, dass Scully da doch ein wenig erschrocken wirkte.

P.S.: Ich werde mich heute auch mit "Deep Throat" beschäftigen und die unüberarbeiteten Beiträge erstmal in den Archiv-Thread verschieben.
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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon nevermore » 17. Nov 2018 19:15

Folge 2, Staffel 1: " Die Warnung / Deep Throat"

Drehbuch: Chris Carter
Regie: Daniel Sackheim



In Idaho wird ein Militärpilot nach einer psychotischen Erkrankung hospitalisiert. Die Familie verliert jeden Kontakt mit ihm und vom Militär wird jede Auskunft verweigert. Er ist der letzte in einer Serie solcher Vorkommnisse. Mulder vermutet, das Militär vertusche Experimente mit Flugzeugen, die UFO-Technologie einsetzen. Er wird von einem mysteriösen Mann gewarnt, er solle sich von dem Fall fernhalten, macht sich aber dennoch mit Scully auf, um den Fall zu untersuchen.

"Deep Throat" fungiert als eine Art Fortsetzung oder zweiter Teil des Pilotfilms, der die Zuschauer weiter in den Handlungsrahmen und die Charaktere einführt. Während es im Piloten selbst um UFO-Entführungen ging und die Machenschaften der Regierung und vermutete Verschwörung nur angedeutet wurden, wird dies hier zum zentralen Thema. Die Regierung ist mit ihrer Technologie, sowohl was Flugzeuge als auch Gedankenkontrolle und Informationsvertuschung angeht, wesentlich weiter, als öffentlich bekannt ist. Es wird wahrscheinlich mit UFO-Technologie aus dem Roswell-Absturz experimentiert, und auf Leben und Gesundheit des "Versuchspersonals" wird hierbei keinerlei Rücksicht genommen.
Mulders Telefon wird abgehört, und Mulder bekommt seinen ersten Informanten.

Der Handlungsort, "Ellens Air Base", auf der Karte nicht verzeichnet, dient hier als Stand-In für die real existierende Area 51, die auch nicht auf den Karten verzeichnet ist: Mulder zufolge ist es einer von sechs Orten, zu denen Überreste des Roswell-Absturzes gebracht wurden. Auch das von Scully erwähnte "Aurora Project" und die die beiden Agenten auf der Landstraße überfallenden Men in Black existieren als reale Verschwörungstheorien, die beide im Zusammenhang mit angeblichen UFO-Sichtungen stehen. Dass Pläne für das Aurora-Projekt zumindest angedacht wurden, ist dokumentiert.

Ob nun außerirdische Technologie zum Einsatz kam oder nicht, auf "Ellens Air Base" wurden experimentelle Flugzeuge getestet, soviel ist im Rahmen des X-Files-Universums sicher. Bei den Experimenten mit extremer G-Belastung und Strahlung ausgesetzt erlitten die Piloten schwere mentale Schäden. Lt. Col. Budahas war einer dieser freiwilligen Testpiloten. Um die Vorgänge geheim zu halten, wurden die Piloten von der Air Force in medizinische Einrichtungen gebracht, und es wurden selektiv ihre Erinnerungen gelöscht, was jedoch nicht ohne negative Nebeneffekte bewerkstelligt werden konnte. Die Episode lässt spätestens mit Mulders Erlebnissen keinen Zweifel daran, dass entgegen Scullys Versicherungen diese Technik des selektiven Löschens von Erinnerungen existiert.

Die Episode legt Wert darauf, das menschliche Drama der Piloten, das als Kollateralschaden vom Militär hingenommen wird, in den Vordergrund zu stellen. Col. Budahas wird seiner Familie entrissen, seiner Frau wird jeglicher Kontakt mit ihm verwehrt, sie ist nicht imstande, eine Spur von ihm zu finden. Fast noch schlimmer als ihre Verzweiflung, die sie schließlich das FBI rufen lässt, fand ich die Apathie und den Fatalismus, mit der die Frau des anderen geschädigten Piloten, Mrs. McLennen, reagiert. "The military deals with things in a certain way." Als ob die Tatsache, dass die Piloten sich freiwillig zur Verfügung gestellt haben und ihre Therapien bezahlt werden, es rechtfertigen würde, dass das Militär mit den Experimenten einfach so weiter macht, oder Budahas ohne Rechenschaft ablegen zu müssen einfach so verschwinden lässt.

Die Episode zeigt auch wieder die Problematik auf, irgendetwas von all dem zu beweisen. Der ganze Militärapparat inklusive als Reporter maskierte Sicherheitsbeamte wird eingesetzt, um die Geschehnisse zu vertuschen und Beteiligte einzuschüchtern. Das Auto der MiB ist nicht registriert, Fotos haben fragwürdige Authentizität, als Augenzeugen gibt es nur Leute mit zweifelhafter Glaubwürdigkeit, so hier zwei bekiffte Teenager. Scully war wieder nicht anwesend bei Mulders Erlebnissen im Inneren der Basis, und dieser kann sich Ende an nichts mehr erinnern.

Interessant ist beim wiederholten Ansehen der Episode die Verteilung von Leichtgläubigkeit und Mißtrauen bei den beiden Agenten. Während Scully dem gesetzmäßigen Handeln der Regierung allzuleicht vertraut ("The Government is not above the law. They can't withhold information.") und sowohl die Fotos als auch die Aussagen der beiden Teenager nur belächelt, ist es bei Mulder genau umgekehrt: Dieser vertraut ungeprüft dem Foto der Barfrau und schenkt den beiden offensichtlich bekifften Teenagern Glauben. Trotz ihrer Erlebnisse in dieser Episode und im Pilotfilm muss dies für Scully einfach unnachvollziehbar sein.

Dennoch muss sie am Ende anerkennen, dass auf der Air Base unerklärliche Dinge vor sich gehen. Sie bezeichnet die Flugobjekte in ihrem Bericht auch als "unidentified flying objects" (UFOs), ohne jedoch darauf einzugehen, ob diese mit außerirdischer Technologie operieren oder nicht. "Just because I can’t explain it, doesn’t mean I’m gonna believe they were UFOs." In der Tat lässt die Episode diese Frage offen; es ist durchaus möglich, dass es eine rationale Erklärung für all das gibt. Was allerdings sicher ist und sie auch akzeptieren muss, ist, dass die Möglichkeiten der Regierung weit über das öffentlich Bekannte hinausgehen. Es sind sowohl selektive Gedächtnislöschungen möglich, als auch Flugmanöver, zu denen herkömmliche Flugzeuge nicht in der Lage sind.

Die beiden entgegengesetzten Haltungen der Agenten im Hinblick darauf, wem zu vertrauen ist und wem nicht, führen wieder zu einigen Konfrontationen sowie zum ersten von Mulders Alleingängen, mit dem er sich in große Gefahr begibt. Scullys resolute Rettungsaktion zeigt, dass sie bei allen Differenzen für ihren Partner durchs Feuer geht und dabei auch nicht das unbedarfte Mädchen ist, als das sie im Pilotfilm ein bisschen erschien.

In "Deep Throat" hat auch eine wichtige neue Nebenfigur ihren ersten Auftritt: Der titelgebende Informant Deep Throat, benannt nach dem Informanten aus der Watergate-Affäre. Er stellt sich vor als jemand, der an Mulders Arbeit interessiert ist und in einer Position ist, in der er viele Dinge erfährt, die die Regierungsarbeit betreffen. Er versucht zunächst, Mulder von dem Fall fernzuhalten, erreicht damit aber das Gegenteil (und die Frage ist, ob das nicht so gewollt war, oder seine Warnung ein Test für Mulders Entschlossenheit war). Der hervorragend ausgewählte Jerry Hardin erweckt sofort den Eindruck von jemandem, der als Informant mit Zugang zu Informationen mit hoher Geheimhaltungsstufe glaubhaft ist. Mulder scheint auf seiner Suche einen ersten Verbündeten gefunden zu haben, und sowohl die Überwachung von Mulders Telefon als auch Deep Throats Warnung deuten darauf hin, dass Mulder wirklich etwas auf der Spur ist. Am Ende der Episode antwortet er auf Mulders Frage "they're here, aren't they?": "Mr. Mulder, they’ve been here for a very long time."

Die Wahl des Episodentitels und Namens für Mulders Informanten, "Deep Throat", nach dem Whistleblower in der Watergate-Affäre ist ein Hinweis auf eine der wichtigsten Inspirationen der Show. Chris Carter hat den Einfluss der Watergate-Affäre auf seine Haltung zu Autoritäten und der Regierung anerkannt:
Chris Carter hat geschrieben:"I was about 15 or 16 when Watergate happened and I think that ruined me forever as far as my belief in institutions and in authority and agendas of government. Watergate really opened my eyes to the corruption present in the system."
Die X-Akten sind durch und durch von der Post-Watergate-Frustration und Paranoia gegenüber der Regierung inspiriert.

Was die Inszenierung angeht, weist "Deep Throat" gegenüber dem Pilotfilm erstmals einen Teaser, die Tagline "The truth is out there" und das klassische X-Akten-Intro auf. Die Interaktion von Mulder und Scully ist sehr gelungen, mit Jerry Hardin als Deep Throat und Seth Green als bekifftem Teenager hatte die Episode zwei sehr gut gewählte Gastschauspieler. Auch die Mrs Budaha fand ich gut dargestellt. Besonders die Szenen in der Militärbasis fand ich sehr gelungen, als eines der Flugobjekte über Mulder schwebt und dieser anschließend halb bewusstlos durch die Basis gezerrt wird. Ansonsten zieht sich die Episode an einigen Stellen doch etwas in die Länge. Ich gebe knapp fünf Sonnenblumenkerne dafür.
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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon Bernhard Nowak » 18. Nov 2018 00:28

Manchmal sind Magenschmerzen ja ganz gut. Dann kann man nicht schlafen und ich werde jetzt mal erste Gedanken zur Folge schreiben. Was zeigt mir diese Folge, die nach dem Informanten der Watergate-Affäre "Deep Throat" https://de.wikipedia.org/wiki/Mark_Felt benannt ist ?
Während es im Piloten selbst um UFO-Entführungen ging und die Machenschaften der Regierung und vermutete Verschwörung nur angedeutet wurden, wird dies hier zum zentralen Thema.


Irgendwo habe ich gelesen, ich meine, es war in einer Hitler-Biographie, dass sich die Deutschen niemals daran gewöhnen könnten, dass ihr Staatsoberhaupt ein Verbrecher ist - im Zuge der Röhm oder der Blomberg/Fritsch-Affäre war dies. Und genau so geht es Scully hier. Sie kann sich nicht gewöhnen - wie viele Amerikaner - dass ihre Regierung 1974 - und heute??? - aus politischen Verbrechern bestand oder besteht. Genau wie Mark Felt in der Watergate Affäre so geht es hier aber auch um die Warnung eines "Deep Throat" vor geheimen Machenschaften der Regierung, an die Scully nicht glauben will. Akte X zeigt eben hier seine Vielschichtigkeit: auf der einen Ebene ist es ein Mystery-Film, es geht um Überirdisches, Phantastisches. Aber in dieser Folge zeigt sich eben auch: es geht um mehr: Akte X zeigt sich als eine Dystopie (vgl. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Dystopie) und folgt den Spuren George Orwells 1984 und ähnlicher Werke. Gerade die heutige Jugendliteratur zeigt ein enormes Wachstum von Titeln mit dystopischen Inhalt, etwa die Panem-Trilogie oder der "Gelöscht"-Trilogie von Tery Terri. Auch der Vergleich zu Harry Potter liegt nahe. In den ersten Bänden eine harmlose Kinder-Fantasy-Serie, spätestens ab Band 5 mit seinen Bezügen zum Dritten Reich und dem Rassismus eine düstere Dystopie. Akte X ist enorm politisch. Und wenn der Regisseur von seiner zentralen Prägung durch Watergate spricht, der ihm seine Illusionen über das damlige (und heutige?) politische System der USA nahm, dann wird dies in dieser Folge deutlich, die mich durchaus gepackt hat. Sie mag Längen haben, aber - möglicherweise auch durch die aktuellen Ereignisse in den USA (man denke an die Behandlung von Jim Acosta, dem CNN-Journalisten durch Trump oder den Vergleich zwischen Nixon und Trump besonders in der Verfolgung ihrer jeweiligen Sonderermittler 1973 und heute) wirkt diese Folge heute beklemmend aktuell. Und betrifft sie - Fake News, Mainstream-Presse - wirklich nur das politische System der USA? All diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, wenn ich diesen 2. Teil des Pilotfilms, der noch genauer in die Charaktere, v.a. die beiden Protagonisten einführt (allerdings auch gute Nebendarstelle hat) ansehe. Soweit erste Gedanken zum Thema. "The Government is not above the law. They can't withhold information." Der für mich zentrale Satz dieser Folge. Beklemmend aktuell.
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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon nevermore » 18. Nov 2018 08:44

Erstmal gute Besserung, und danke für deine Gedanken.

Den Vergleich mit der Potter-Reihe hatte ich ja schon in einer PM einmal angesprochen. Potter wird vielleicht erst ab Band 5 ausdrücklich politisch, unterschwellig war die politische Kritik aber von Anfang an da, mit den Reinblütern, die auf Mischblüter wie Hermine herabschauen ("Mudblood"), und dem Gespenst Voldemorts im Hintergrund. In der Hinsicht hat Potter durchaus einige Gemeinsamkeiten mit Akte X, und auch in der Potter-Reihe wechselten sich die Schwerpunkte ab; besonders in den frühen Bänden traten die politischen Themen über ganze Kapitel völlig in den Hintergrund.

Und in mancherlei Hinsicht erinnert mich die Figur der Scully an die der Hermine. Sie ist auch so eine junge Frau (Mädchen in Hermines Fall), die in ihrem Vorgehen ziemlich schulbuchmäßig und autoritätsgläubig daher kommt (auch bei Hermine musste zu Anfang immer gemacht werden, was die Lehrer sagen). Und selbst ihre Herkunft ist nicht unähnlich; Scully scheint anders als Mulder nicht aus einem Umfeld mit hochrangigen Regierungsbeamten zu stammen, sondern aus einer recht normalen Middleclass-Familie.

In beiden Reihen wird das fantastische Umfeld benutzt, um eine politische Botschaft zu transportieren (der teilweise von Seiten der Linken an solche Literatur geäußerte Vorwurf des "Eskapismus" ist bei solchen Reihen m.E. völlig fehl am Platz, das gilt auch für andere Reihen). Nur so ist m.E. auch der enorme Erfolg solcher Serien bzw. Buchreihen über alle Generationen zu erklären.
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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon Bernhard Nowak » 18. Nov 2018 10:45

Danke für die guten Wünsche. Ich war gestern zum Essen eingeladen (Ente mit Klößen) und die Klöße waren doch etwas zu schwer. :lol:
Du hast mit Harry Potter natürich vollkommen recht. Mir fällt dazu auch "Game of Thrones" ein, welches genauso vielschichtig ist - politisch, v.a. am Anfang, dann Phantastisch und auch hier transportiert Fantasy politische Botschaften. Heute gehe ich am Mittag in eine Vorstellung von "Momo" ins Darmstädter Staatstheater. "Momo", m.E. das bedeutendste Werk Michael Endes mit seinem sehr aktuellen Thema des "Zeitstehlens" passt auch in solche Betrachtungen. Den Vergleich von Scully mit Hermione finde ich interessant. Darauf wäre ich jetzt nicht gekommen, aber es stimmt.
In "Deep throat" gefällt mir aber auch die Titelfigur sehr gut, auch wenn es eine Nebenrolle ist. Darauf hattest Du ja auch schon hingewiesen.
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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon nevermore » 18. Nov 2018 19:00

Folge 3, Staffel 1: "Das Nest / Squeeze"

Drehbuch: Glen Morgan & James Wong
Regie: Harry Longstreet



In Baltimore findet eine Reihe von seltsamen Morden statt: Alle Opfer werden in einem verschlossenen Zimmer aufgefunden, es gibt keine Zeichen gewaltsamen Eindringens, und dem Opfer wurde die Leber herausgerissen. Scully wird von einem früheren FBI-Kollegen gebeten, sich den Fall anzusehen. Sie zieht Mulder hinzu, der eine mindestens 90 Jahre zurückreichende Reihe ähnlicher Fälle in den X-Akten findet, die jeweils im Abstand von 30 Jahren stattfanden.

"Squeeze" ist die erste "Monster of the Week"-Episode und das erste Drehbuch der Masters of Darkness Morgan & Wong, die einige der besten X-Akten und Millennium-Drehbücher verfasst haben. Es spielen weder Außerirdische noch Verschwörungen eine Rolle, es ist eine klassische Horrorstory in der Tradition von Lovecraft und Poe.

Sowohl der Zuschauer als auch Mulder wissen frühzeitig, wer der Schuldige ist: Mulder entdeckt am Tatort lockere Schrauben an einem Lüftungsgitter und einen abnorm verlängerten Fingerabdruck, und entwickelt nach einer Recherche in den X-Akten die Theorie, dass der Täter ein Mutant ist, der nur alle 30 Jahre aus der Hibernation kommt und fünf Opfer ermordet, von deren Leber er sich die nächsten 30 Jahre ernährt. Natürlich glaubt Mulder niemand diese Theorie, weder der FBI-Kollege, der den Fall ursprünglich angenommen hat, noch Scully. Das Spannende der Episode ist, wie Mulder Tooms seine Taten beweisen kann und wie Tooms aufzuhalten ist.

Eugene Victor Tooms verbringt seine Tage als Tierkontrolleur in Baltimore und wirkt bei seiner täglichen Arbeit auf den ersten Blick wie eine Durchschnittsperson. Der abnorme Fingerabdruck ist Teil seiner Mutation, die es ihm erlaubt, sich durch kleinste Öffnungen wie Lüftungsgitter zu zwängen und so in verschlossene Räume einzudringen. Zwar sind für die Morde der letzten 50 Jahre stets übereinstimmende Fingerabdrücke vorhanden, doch da niemand an so eine Mutation glauben kann, nimmt das niemand ernst. Hinzu kommt, Tooms besteht den Lügendetektortest, bis auf zwei von Mulder gestellte Fragen, in denen es darum geht, ob er über 100 Jahre alt ist und ob er 1933 in Powhatan Mill, einem früheren Tatort, war. Den FBI-Beamten genügt das nicht, so dass Tooms freigelassen wird.

"Squeeze" ist eine der denkwürdigsten X-Akten-Episoden überhaupt und spielt gelungen mit den latenten Ängsten von Großstadteinwohnern, was sich wohl alles in den Kellern der vielen Gebäude und hinter den vielen Unbekannten auf den Straßen verbergen und in ihre vermeintlich abgesicherten Wohnungen eindringen könnte. Alle Opfer starben an Orten, an denen sie eigentlich sicher sein sollten - in der Wohnung oder im Büro. Tooms kann aber auch durch kleine Öffnungen kriechen - durch Lüftungsschächte, Kamine, Abwasserrohre. Er ist ein der Großstadt perfekt angepasster Mutant. Er taucht nur alle 30 Jahre auf, tötet fünf Opfer und verschwindet dann wieder. Er kann sich hinter jedem Gesicht verbergen, er kann einem in jedem engen Schacht und jeder dunklen Ecke auflauern. Hier wird mit Urängsten gespielt.

Die Episode funktioniert so gut, weil Tooms großartig geschrieben ist und Doug Hutchinson ihn großartig spielt. Tooms gibt die ganze Episode fast kein Wort von sich, selbst als er festgenommen ist, schweigt er nahezu die ganze Zeit. Mit seinem durchdringenden Blick und seiner erstarrten Haltung erinnert er an ein Raubtier, das lauert, bevor es ein Opfer angreift. Unterstützt wird der Eindruck durch eine gelungene Maske mit gelb gefärbten Kontaktlinsen und die unheimliche Musik von Mark Snow.

Die Episode lebt aber nicht nur von dem großartigen Monster Tooms, sondern auch von den personalpolitischen Verstrickungen im FBI und der Interaktion zwischen Mulder und Scully. Der FBI-Agent, der Scully um Rat fragt, ist ein alter Kollege und bringt sie mit seiner ablehnenden Haltung gegenüber Mulder in eine Zwickmühle, so dass sie sich zwischen ihm (und dem restlichen FBI) und Mulder entscheiden muss. Scully bekommt in dieser Episode die Schattenseiten der Zusammenarbeit mit Mulder zu spüren, dessen merkwürdige Theorien von den anderen nicht ernst genommen werden, und der Spott der Kollegen war ihr sichtlich unangenehm. Agent Colton ist ein bornierter karrieregeiler Schnösel, dem weder an dem Fall noch an Scully etwas liegt, und der in ihr lediglich eine Art Assistentin sieht, die ihm helfen kann, auf der Karriereleiter schneller nach oben zu kommen. Spätestens bei seiner Frage "Whose side are you on?" - auf die Scully die perfekte Antwort hat: "The victim's." - wird deutlich, dass es ihm einzig und allein um sich selber geht.

Mulder wiederum macht ihr die Situation auch nicht einfacher. Als Colton ihn mit einer dummen Bemerkung über grüne Männchen begrüßt, antwortet Mulder mit einer ironischen längeren Ausführung darüber, dass die Außerirdischen eigentlich grau seien und Leber in der retikulanischen Galaxie teuer gehandelt wird. Colton weiß sichtlich nicht, was er davon halten soll - ob das nun ernst gemeint ist oder nicht. Auch später in der Episode scheint Mulder einen Konflikt eher zu provozieren, indem er wiederholt seine sonderbare Theorie offensiv vertritt, so mit den Fragen an Tooms am Lügendetektor (generell spielt Duchovny Mulders Distanziertheit zu seiner Umwelt viel ausgeprägter als noch im Pilotfilm oder in "Deep Throat"). Morgan & Wong deuten hier an, dass seine sonderbaren Theorien vielleicht nicht der alleinige Grund sind, warum Mulder zum Außenseiter wurde. Dennoch wird klar, dass Mulder nicht egal ist, was aus Scully wird, denn er sagt zu ihr, wenn sie sich lieber dem Colton-Team anschließen wolle, werde er ihr das nicht nachtragen.

Scully selber glaubt zwar nicht wirklich, dass Tooms schon seit 100 Jahren lebt und die vorherigen Mordserien auch begangen hat, kann aber mit den Alternativen noch weniger anfangen und wird ungehalten, als ihre Kollegen sich über Mulder lustig machen und die Ermittlungen eher behindern als sie voranzubringen. Obwohl sie sich erkennbar Sorgen um ihren guten Ruf macht, steht sie zu ihrem Partner. Wie Mulder sagt, "in our investigations, you may not always agree with me, but at least you respect the journey." Interessant ist hier, dass Scullys Profil hier richtig ist, sie liegt mit ihrer Einschätzung über den nächsten Schritt Tooms besser als der gelernte Profiler Mulder. Letztlich muss Scully akzeptieren, dass Tooms die ihm von Mulder zugeschriebene Fähigkeit hat, sich durch engste Öffnungen zu zwängen, spätestens, als sie selber angegriffen wird.

Es ist interessant, Scullys Entwicklung in dieser Episode zu beobachten. Am Anfang scheint sie noch ziemlich zwischen den Welten zu stehen und ich hatte den Eindruck, sie wäre schon ganz gern noch beim "FBI Mainstream" dabei. Es schien ihr fast ein bisschen peinlich zu sein, bei den X-Akten zu arbeiten - sie sieht sich veranlasst, ihre Arbeit und ihren neuen Partner zu verteidigen. Jedoch wird in der Episode auch deutlich, dass sie nicht so recht zu Colton und den anderen passt, denen es ausschließlich darum geht, möglichst schnell die Karriereleiter hochzuklettern. Am Ende ist sie dann richtig sauer auf Colton, als der die Posten von der Exeter Street 66 abziehen lässt: "Is this what it takes to climb the ladder Colton? Then I can't wait `til you fall off and land on your ass!" Wie absonderlich auch Mulders Theorien teilweise sind, verglichen mit diesen Leuten hat er wesentlich mehr Integrität, und mir schien das eine Zäsur zu sein, ab der sich Scully vom FBI-Mainstream ab- und Mulder zuwendet.

Absonderlich oder nicht, "Squeeze" ist einer der Fälle, in denen angesichts der Umstände und Alternativen Mulders Erklärung ab einem bestimmten Punkt plausibler wirkt als die Verrenkungen der Kollegen, eine "plausible" Erklärung ohne übernatürliche Phänomene zu finden (wie bspw. Coltons Idee, die Leber könnte für Organhandel entnommen worden sein - dazu muss man schon etwas chirurgischer vorgehen). Im Zusammenhang mit den X-Akten wurde hierfür der Begriff des "Scully-Syndroms" geprägt: Wenn beim Bestreben, unerklärliche Dinge unter Ausschluss übernatürlicher Faktoren zu erklären, so viele unwahrscheinliche Ereignisse miteinander verknüpft werden müssen, dass der übernatürliche Erklärungsansatz der plausiblere ist. Obwohl Morgan & Wong Mulder hier (wie auch in späteren Episoden) eher mit einem kritischen Blickwinkel schreiben, als Zuschauer ist man hier auf Mulders Seite, weil man merkt, dass er recht hat, und die Weigerung der Kollegen, sich seine Theorie auch nur anzuhören, sie borniert erscheinen lässt.

Die Episode ist m.M.n. eine der besten Monster of the Week-Folgen überhaupt und glänzt sowohl mit den Charakterentwicklungen und witzigen Dialogen als auch mit erschreckenden Horrorszenen. Schon der Teaser, in dem man nicht viel vom Täter und der Tat sieht, außer sich öffnenden Lüftungsgittern und Fingern, die hindurchschlüpfen, ist phantastisch inszeniert. Es gibt viele weitere denkwürdige Szenen, so als Mulder und Scully im Keller das Nest entdecken, oder als Tooms den Kamin hinunter kriecht. Als Tooms am Ende in seiner Zelle sitzt, auf den Türschlitz starrt und grinst, weiß der Zuschauer, dass diese Geschichte noch nicht zuende ist. Eine großartige Horrorepisode, für es sechs aufgeschraubte Lüftungsgitter von mir gibt.
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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon Bernhard Nowak » 19. Nov 2018 19:00

Die Episode ist m.M.n. eine der besten Monster of the Week-Folgen überhaupt und glänzt sowohl mit den Charakterentwicklungen und witzigen Dialogen als auch mit erschreckenden Horrorszenen-


Ja, eine tolle Episode. Kann es sein, dass Stephen King hier Pate gestanden haben?

Alle Opfer werden in einem verschlossenen Zimmer aufgefunden


Auf jeden Fall ist es eine ironische Anspielung auf die Kriminalromane, die in "verschlossenen Räumen" spielen (Titelgebend der gleichnamige Krimi von John Dickinson Carr https://www.amazon.de/verschlossene-Rau ... ssene+raum). Denn dort gab es in den 1920-ger Jahren eine Regel, dass Morde in geschlossenen Räumen bitte nur "natürlich" erklärt werden dürfen, übersinnliche Phänomene galten nicht, da es streng "logisch" zugehen und die Genialität des Detektives gezeigt werden sollte. Man denke etwa an: "Der Mord in der Rue Morgue" von Edgar Allan Poe mit einem Menschenaffen als Täter in einer ähnlichen Situation.

Aber seit Lovecraft, Poe oder auch Stephen King zeigt sich, dass gerade das unheimliche Phänomen des Übernatürlichen die Leute reizt. Gestern sah ich zufällig im ZDF, nachdem ich von "Momo" zurückgekehrt war, ein Film in "Terra X" über Drachen und Monster (in der ZDF-Mediathek sicherlich abrufbar). Letztlich sollten übernatürliche Phänomene auf Teufel komm raus "natürlich" erkärt werden - mit Dinosauriern als Drachenersatz, einem räudigen Kojoten, der in Puerto Rico für ein Monster gehalten wurde, weil er Schafe riss, aber wegen seiner Räude nur Tiere, die im Stall waren, der zufällig offen stand, erreicht werden konnte. Ja, kann man machen. Aber solche Filme nehmen eben die Faszination des "Übernatürlichen", des "Unerklärlichen", des Grauens, welches in die scheinbar so heile Wirklichkeit "eindringt"; wir hatten darüber ja schon gesprochen. Das schöne: es gibt eine Erklärung - Mutant - und der Detektiv - hier Mulder - kann seine Theorie schlüssig beweisen, ohne dass sie lächerlich oder gar falsch klingt. In den 1920-ger Jahren des "klassischen Kriminalromans" ein Regelverstoß - und jetzt zeigt sich, dass gerade solche Dinge faszinierend sind. Ja, die Folge ist einfach herrlich. :lol:
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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon nevermore » 20. Nov 2018 21:23

Bernhard Nowak hat geschrieben:Ja, eine tolle Episode. Kann es sein, dass Stephen King hier Pate gestanden haben?

Zumindest habe ich nichts darüber gefunden. Habe aber auch die ganzen "behind the scenes"-Bücher nicht und muss mich da auf die Online-Lexika und Reviews verlassen:

X Files Wikia hat geschrieben:In the writing of this episode, James Wong and Glen Morgan were inspired by Jack the Ripper and a large ventilator shaft outside their office. According to Morgan, the episode's concept began when he and Wong were working late and he asked Wong, "What if we were working here late at night and some guy came through that thing?" (The Truth Is Out There: The Official Guide to The X-Files, p. 106; "Behind the Truth", TXF Season 1 DVD special features) The writers were also inspired by an article Morgan had read about Richard Ramirez, a serial killer who had been dubbed "The Night Stalker" by the news media and had, despite being a large man, supposedly entered each of his victims' homes via a small window above their shower, leaving the dust and soap grime on the sill undisturbed. "I think we took it from there," reflected Morgan. "That was when it was Jim and Chris and I sitting around saying, 'How about this, how about that?' Some things we thought would be too far out there." (X-Files Confidential, p. 39)

http://x-files.wikia.com/wiki/Squeeze

Ich muss jetzt endlich die Special Features auf der DVD ansehen.

Auf jeden Fall ist es eine ironische Anspielung auf die Kriminalromane, die in "verschlossenen Räumen" spielen (Titelgebend der gleichnamige Krimi von John Dickinson Carr https://www.amazon.de/verschlossene-Rau ... ssene+raum). Denn dort gab es in den 1920-ger Jahren eine Regel, dass Morde in geschlossenen Räumen bitte nur "natürlich" erklärt werden dürfen, übersinnliche Phänomene galten nicht, da es streng "logisch" zugehen und die Genialität des Detektives gezeigt werden sollte.


:lol: Das wusste ich gar nicht.

Gestern sah ich zufällig im ZDF, nachdem ich von "Momo" zurückgekehrt war, ein Film in "Terra X" über Drachen und Monster (in der ZDF-Mediathek sicherlich abrufbar). Letztlich sollten übernatürliche Phänomene auf Teufel komm raus "natürlich" erkärt werden - mit Dinosauriern als Drachenersatz, einem räudigen Kojoten, der in Puerto Rico für ein Monster gehalten wurde, weil er Schafe riss, aber wegen seiner Räude nur Tiere, die im Stall waren, der zufällig offen stand, erreicht werden konnte.

Muss ich mir auch ansehen.

An der nächsten Folge, "Conduit", muss ich noch ein bisschen arbeiten. Und mit der letzten im SciFi-Forum-Projekt, "Revelations" in Season 3, habe ich grad einen richtigen Kampf. :oops:
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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon nevermore » 20. Nov 2018 21:49

Die ZDF-Doku, meinst du diese?

https://www.zdf.de/dokumentation/terra- ... n-100.html

Im Programmverzeichnis von gestern ist sie nicht drin. Hast du sie auf Neo oder einem anderen Spartenkanal gesehen?
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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon Bernhard Nowak » 21. Nov 2018 13:23

Genau diese Sendung meine ich. Sie lief am Sonntag abend um 19.30 Uhr bis 20.15 Uhr im ZDF - nach "Berlin direkt".
Die 10 Regeln von Knox hier: http://www.buechersammler.de/die-10-geb ... nott-knox/
https://de.wikipedia.org/wiki/Detection_Club
https://books.google.de/books?id=IOBX-0 ... ox&f=false
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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon Bernhard Nowak » 22. Nov 2018 20:47

generell spielt Duchovny Mulders Distanziertheit zu seiner Umwelt viel ausgeprägter als noch im Pilotfilm oder in "Deep Throat")


Das ist übrigens der Punkt, der mir in dieser Folge auch sehr aufgefallen ist. Mulders Außenseitertum und seine Fähigkeit zur Intuition. Während die rationale Scully und ihre Kollegen mit den Mitteln der Deduktion arbeiten, also versuchen, aus den Ereignissen logische Schlussfolgerungen zu ziehen, dabei aber ihren Horizont einengen, weil sie das "Unmögliche" - einen Mutanten - völlig als Lösungsansatz ausschließen, arbeitet Sculder mit dem Mittel der Intuition. Er schließt nichts von vornherein aus und glaubt seiner "inneren Stimme". Er fragte Scully in "Deep throat", ob sie ihn für verrückt halte. Nein, tut sie nicht, aber für sonderbar schon. Und doch ist es Mulder, der hier Erfolg hat und für mich erstmals in dieser Folge eine ernstzunehmende Persönlichkeit ist, kein "spinnender Nerd", als der er mir in den ersten beiden Folgen vorkam. Intuition oder: auf seine innere Stimme hören und die Bereitschaft zu haben, alles für möglich zu halten - eben auch das scheinbar unmögliche - das ist Mulder. Mir ist dies besonders in der Garagenszene aufgefallen. Eigentlich kann niemand in die Garage kommen - da hört Mulder das Geräusch und fordert über Scully Verstärkung an. Und seine Ernsthaftigkeit - und er wirkt hier wirklich engagiert, ernsthaft und voller Empathie für die Opfer und sein Drang, die Wahrheit zu ergründen - das ist es doch, was Scully an ihm überzeugt und was die rationale Scully mit ihm verbindet und dazu bringt, ihm beizustehen:
Scully selber glaubt zwar nicht wirklich, dass Tooms schon seit 100 Jahren lebt und die vorherigen Mordserien auch begangen hat, kann aber mit den Alternativen noch weniger anfangen und wird ungehalten, als ihre Kollegen sich über Mulder lustig machen und die Ermittlungen eher behindern als sie voranzubringen. Obwohl sie sich erkennbar Sorgen um ihren guten Ruf macht, steht sie zu ihrem Partner. Wie Mulder sagt, "in our investigations, you may not always agree with me, but at least you respect the journey." Interessant ist hier, dass Scullys Profil hier richtig ist, sie liegt mit ihrer Einschätzung über den nächsten Schritt Tooms besser als der gelernte Profiler Mulder. Letztlich muss Scully akzeptieren, dass Tooms die ihm von Mulder zugeschriebene Fähigkeit hat, sich durch engste Öffnungen zu zwängen, spätestens, als sie selber angegriffen wird.


Und das ist das Motto der Folgen - die als Intro ja am Anfang auch eingespielt werden: es geht um die unbedingte Suche nach der Wahrheit - mag sie noch so "unmöglich" sein. Vielleicht in Zeiten von Main-Stream-Medien, die selber Fake-News verbreiten (siehe Fall Maaßen) mal wieder erstaunlich aktuell.Wie heißt es doch so schön in eine meiner Lieblingsserien: "Sachsens Glanz und Preußens Gloria": da wird ein Idealist, der zum sächsischen Hof gehört und Aufklärung über die dortige Korruption beim Amtsantritt von August III., dem Sohn Augusts des Starken betreibt und den Verbrechen des Grafen Brühl auf die Spur kommt, auf den Königstein verbannt, gequält und schließlich umgebracht. Er habe sich doch alles selber zuzuschreiben, erklärt der Kommandant der Festung Königstein (bei Dresden), er sei ein "Wahrheitssucher": erst kämpfe er für die Wahrheit, dann leide er für die Wahrheit und schließlich sterbe er für die Wahrheit. Die Regierung verbirgt die Wahrheit - ob nun durch ihre geheimen Machenschaften ("Deep throat") oder durch Ignorieren von "Akte X"-Fällen - und letztlich wollen beide Mulder und Scully - die Wahrheit herausfinden. In dieser Folge erscheint mir klarer als in den beiden vorhergehenden, dass dies das gemeinsame "Band" beider doch so unterschiedlicher Charaktere zu sein scheint - in dieser Folge wurde mir dies deutlich. Une deshalb ist das Fazit oben so treffend:
Absonderlich oder nicht, "Squeeze" ist einer der Fälle, in denen angesichts der Umstände und Alternativen Mulders Erklärung ab einem bestimmten Punkt plausibler wirkt als die Verrenkungen der Kollegen, eine "plausible" Erklärung ohne übernatürliche Phänomene zu finden (wie bspw. Coltons Idee, die Leber könnte für Organhandel entnommen worden sein - dazu muss man schon etwas chirurgischer vorgehen). Im Zusammenhang mit den X-Akten wurde hierfür der Begriff des "Scully-Syndroms" geprägt: Wenn beim Bestreben, unerklärliche Dinge unter Ausschluss übernatürlicher Faktoren zu erklären, so viele unwahrscheinliche Ereignisse miteinander verknüpft werden müssen, dass der übernatürliche Erklärungsansatz der plausiblere ist. Obwohl Morgan & Wong Mulder hier (wie auch in späteren Episoden) eher mit einem kritischen Blickwinkel schreiben, als Zuschauer ist man hier auf Mulders Seite, weil man merkt, dass er recht hat, und die Weigerung der Kollegen, sich seine Theorie auch nur anzuhören, sie borniert erscheinen lassen.



Das ist mir noch zu "Das Nest" durch den Kopf gegangen. :) Ansonsten hast du, nevermore, ja schon alles gesagt und das besondere an dieser Folge - das super gelungene Horrormoment vor allem und die guten Schauspieler - ja schon hervorgehoben.
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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon nevermore » 22. Nov 2018 21:31

Bernhard Nowak hat geschrieben:Und doch ist es Mulder, der hier Erfolg hat und für mich erstmals in dieser Folge eine ernstzunehmende Persönlichkeit ist, kein "spinnender Nerd", als der er mir in den ersten beiden Folgen vorkam.


Ich bin schockiert :scare: :lol: Ich zitiere aus dem Pilotfilm:

BLEVINS: Are you familiar with an agent named Fox Mulder?
SCULLY: Yes, I am.
BLEVINS: How so?
SCULLY: By reputation. He's an Oxford educated Psychologist, who wrote a monograph on serial killers and the occult, that helped to catch Monty Props in 1988. Generally thought of as the best analyst in the violent crimes section.


An Mulders Fähigkeiten kann kein Zweifel bestehen. Dem war eine großartige Karriere prophezeit und viele im FBI setzten große Hoffnungen in ihn.

Und seine Ernsthaftigkeit - und er wirkt hier wirklich engagiert, ernsthaft und voller Empathie für die Opfer und sein Drang, die Wahrheit zu ergründen - das ist es doch, was Scully an ihm überzeugt und was die rationale Scully mit ihm verbindet und dazu bringt, ihm beizustehen.


Irgendeiner der Reviewer hat mal geschrieben, Mulder pflege bei all seiner Bereitschaft, an das Irrationale zu glauben, einen wissenschaftlichen Ansatz. Er kommt bei allem Sonderbaren immer über das Wissen und die Analyse, nicht über die Emotion. Intuition und rechte Hirnhälfte, ja, aber keine Gefühlsduseleien. Und das verbindet ihn in der Tat mit Scully.

Mulder ist ebenso wie Scully ein äußerst komplexer Charakter, da gibt es nichts zweidimensionales oder holzschnittartiges. Carter und Co. haben da wirklich zwei außergewöhnliche Figuren geschrieben, die mit gutem Grund TV-Geschichte geschrieben haben.
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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon YodaL » 22. Nov 2018 22:56

Endlich habe ich es geschafft, die 3. Folge - Das Nest anzuschauen. MagentaTV sei dank!

Mein Gott war die Mode damals schlimm! Und hätte es damals schon Smartphones gegeben, die Handlung wäre nur halb so spannend verlaufen :wink:

Ich will mich zur Geschichte hier nicht wiederholen, ihr habt ja die Handlung und die Zusammenhänge hervorragend zusammengefasst. Die glasklare Logik in der Geschichte führt zu einem Schaudern. Während man dem Film folgt, ist man irgendwann versucht, die Geschichte für glaubwürdig zu halten. Das Düstere verbunden mit dem offenen Ende lässt den Zuschauer - zumindest mich - mit einem unwohlen Gefühl zurück.

Mulder ist der Querdenker! Damals wie heute sind Querdenker unbequem. Heute versucht man mit agilen Arbeitstechniken, den Menschen das Querdenken beizubringen, um ihre Kreativität herauszukitzeln. Dennoch bleiben die richtigen Querdenker unbequem. Alles soll im Rahmen bleiben.

Scully muss sich in der 3. Folge erstmals entscheiden, auf welcher Seite sie steht. Der Mainstream im FBI ist für sie zwar reizvoll, aber sie leidet still unter dem Spott, der auch sie nicht verschont. Man spürt ihr Gerechtigkeitsempfinden, der sie dazu bringt Mulder in Schutz zu nehmen. Die Fakten sind zwar eindeutig, aber sie traut sich damit nicht aus der Deckung, doch letztendlich zwingen sie sie, sich auf die Seite von Mulder zu stellen.
Noch hat sie nicht durchschaut, warum sie auf Mulder angesetzt wurde. Der Raucher spielt bereits hier eine leicht zwielichtige Rolle.

Tooms ist also ein Mutant, der Nester baut und von menschlicher Leber lebt. Sein Stoffwechsel ist so verlangsamt, dass er quasi jahrelang schlafen kann. Der Bezug auf die Nazigräuel und die Kriegsverbrechen lassen den Zuschauer vermuten, dass Experimente während des Krieges die Ursache für die Mutation ist. Interessant wie ohne eine Wort und ohne einen Handlungsstrang diese Idee in der Geschichte mitschwingt.

Eines ist schon bemerkenswert. Gillian Andersson wirkt in den ersten Folgen älter als später :-)

Bis zum nächsten Mal, eine gute Nacht! :sleep:

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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon nevermore » 22. Nov 2018 23:29

YodaL hat geschrieben:Endlich habe ich es geschafft, die 3. Folge - Das Nest anzuschauen. MagentaTV sei dank!

MagnetaTV? Wie auch immer, schön, dass du dich uns anschließt!

Mein Gott war die Mode damals schlimm!

Vor allem die Krawatten! :grin: Mulder und Colton überbieten sich da gegenseitig.

Mulder ist der Querdenker! Damals wie heute sind Querdenker unbequem. Heute versucht man mit agilen Arbeitstechniken, den Menschen das Querdenken beizubringen, um ihre Kreativität herauszukitzeln. Dennoch bleiben die richtigen Querdenker unbequem. Alles soll im Rahmen bleiben.

Mulder wäre bei Daimler längst rausgeflogen oder zumindest in den Keller verbannt worden. Oh, wait...

Der Bezug auf die Nazigräuel und die Kriegsverbrechen lassen den Zuschauer vermuten, dass Experimente während des Krieges die Ursache für die Mutation ist. Interessant wie ohne eine Wort und ohne einen Handlungsstrang diese Idee in der Geschichte mitschwingt.

Das verstehe ich jetzt nicht. Tooms Geschichte reicht bis mindestens 1903 und vermutlich noch später zurück? :confused:
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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon nevermore » 23. Nov 2018 21:54

Folge 4, Staffel 1: "Signale / Conduit"

Drehbuch: Alex Gansa & Howard Gordon
Regie: Daniel Sackheim



In einer Kleinstadt in Iowa verschwindet ein junges Mädchen von einem Campingplatz. Das örtliche Boulevardblatt berichtet über eine Entführung durch Außerirdische. Der kleine Bruder des Mädchens schreibt merkwürdige Codes auf Papier, die er aus dem Fernsehen zu empfangen behauptet. Während die örtlichen Behörden den Fall nicht weiter verfolgen wollen, macht sich Mulder auf die Suche nach dem Mädchen.

Mit der Entführungsgeschichte zählt "Conduit" zu den Mythologieepisoden, auch wenn sie nicht unerlässlich ist, um den Mythologiebogen zu verstehen. Im Grunde ist sie eher eine Charakterfolge, die sich um Mulder und die Entführung seiner Schwester dreht, und die zeigt, wie getrieben er von diesem Erlebnis ist. "You know when I was a kid, I had this ritual. I closed my eyes before I walked into my room, 'cause I thought that one day when I opened them my sister would be there. Just lying in bed, like nothing ever happened. You know I'm still walking into that room, every day of my life."

Es genügt ihm hier ein Bericht eines Boulevardblatts, um eine X-Akte über den Fall zu eröffnen - er weist die skeptische Scully darauf hin, dass der Tatort als UFO-Hotspot bekannt ist und es auch über die Mutter des Mädchens bereits Entführungsberichte gibt. Der kleine Kevin war wie Mulder bei Samantha anwesend, als Ruby verschwand, so ist es kein Wunder, dass er sich in Kevin wiedererkennt und für diesen besondere Empathie empfindet.

Schon als Mulder die Bilder im Haus von Mrs Morris betrachtet, wird sichtbar, dass dieser Fall sehr persönlich für ihn ist und ihm jede Distanz dazu fehlt. Er greift die örtliche Polizei an, weil diese dem Fall nicht nach geht, beim Verhör mit Tessa wird er grob, und als ihn im Wald ein Wolf zur Leiche von Rubys Freund führt, fängt er ohne Rücksicht darauf, dass er Spuren an einem Tatort zerstört, fieberhaft an zu graben. "What if it's her? I need to know!" Er muss es wissen, aus persönlichen Gründen, nicht Rubys Mutter oder ihr Bruder. Die Szenen im Haus der Morris zeigen eine schöne Metapher, als man das Bild von Ruby, das sich aus der Unzahl von Nullen und Einsen zusammensetzt, nur von Treppen oben erkennen kann - und es ist kein Zufall, dass es Scully ist, die dies erkennt. Die Episode will sagen, dass man manchmal nur aus der Distanz das eigentliche Bild versteht.

"Conduit" zeigt hier durchaus Sympathie für Mulder. Bei aller Grobheit ist Mulders Kritik an den örtlichen Polizeibeamten gerechtfertigt, die dem Fall nicht nachgehen, weil Ruby schon in der Vergangenheit auffällig war. Auch hier sind die Augenzeugen wieder Außenseiter: Ein Mädchen mit problematischer Vergangenheit, eine Mutter, die im Ort keiner ernst nimmt, ein Biker. Mulder hat immer eine Tendenz, sich auf die Seite derer zu stellen, die sonst kein Gehör finden. Er arbeitet sehr gut mit Opfern zusammen. Entsprechend macht er Scully Vorwürfe, als diese den NSA-Beamten die Adresse von Kevins Haus gibt, wo diese wie die Vandalen einfallen und alles auf den Kopf stellen. "You shouldn't have told them. They have no jurisdiction!" Als Ruby dann zurückkommt, versucht Mulder, die Mutter zu überzeugen, dass Ruby über ihre Erlebnisse redet. "It's important that you let her." Darlene lehnt das ab, "important to who?" Das kann man sich in der Tat fragen.

Mulders Haltung ist hier aber nicht nur oberflächlich eigennützig, es geht ihm auch um Kevin. "As far as I'm concerned, she spent the last month on the back of a Harley Davidson." - "Is that what you're gonna tell Kevin?" Ruby ist zwar wieder aufgetaucht, aber dennoch ist die Möglichkeit nicht von der Hand zu weisen, dass Kevin diese Geschichte nicht so einfach ad acta legen kann durch eine Lüge, dass seine Schwester mit Bikern unterwegs war - zumal dann, wenn er etwas anderes gesehen hat. Es ist durchaus vorstellbar, dass er irgendwann die Wahrheit erfahren will.

"Conduit" ist eine sehr wichtige Episode für Mulders Charakterbogen, in der aber auch Scully viel lernt und über ihren Partner erfährt. Zunächst ist Scully wieder viel zu autoritätsgläubig, als sie ohne zu hinterfragen den NSA-Leuten glaubt, dass der kleine Kevin ein nationales Sicherheitsrisiko ist. Ein Fehler, den sie selber nach deren Razzia in Kevins Kinderzimmer auch zugibt. Sie versucht aber auch die ganze Episode, Mulder zu verstehen und ihm zu helfen, die richtige Perspektive zu finden. Sie hat einerseits recht, was Mulders Motivation in diesem Fall angeht ("Mulder, stop running after your sister!"), andererseits aber auch nicht, denn am Ende ist Mulder derjenige, der, was Rubys Schicksal angeht, recht behält - zwar spricht die Episode es nicht aus, aber die Hinweise, dass Ruby tatsächlich entführt wurde, sind erdrückend. Gegen Ende der Episode schaut sich Scully ein Band mit Mulders Regressionshypnose an, und die Episode schließt mit dem Bild des weinend in einer Kirche sitzenden Mulder.

Was die Charakterstudie Mulders angeht, finde ich die Episode sehr gut gelungen. Leider sind Teile der restlichen Handlung ein reichlich chaotisches Puzzle unzusammenhängender Ideen. So ist völlig unklar, woher die Botschaften an Kevin aus dem Fernseher kamen und was damit ausgesagt werden sollte. Zum einen ergeben sie ein Bild von Ruby, zum anderen enthalten sie Ausschnitte aus den Voyager-Botschaften (das Brandenburgische Konzert, die Doppel-Helix etc.). Wer hat sie ausgesendet, und warum? Warum sind die NSA-Leute hinter den Botschaften her? Die Episode bietet nicht einmal Möglichkeiten einer Erklärung an. Mit "statistischen Abweichungen" kann man sie wohl kaum erklären. Auch das Auftauchen der Biker-Gang im Wald kam wie aus dem Nichts. Wenn die Charakterstudie um Mulder nicht wäre, und diese nicht so wichtig wäre, wäre "Conduit" aufgrund seiner wirren Rahmenhandlung eine der schwächsten Episoden der ersten Staffel. So gebe ich knapp vier Satellitenbotschaften dafür.
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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon Bernhard Nowak » 24. Nov 2018 10:56

Mich hat die Folge ebenfalls eigentlich nur wegen Mulders Entwicklung interessiert. Ich hatte weiter oben beschrieben, dass er in Folge 1 auf mich wie ein eher introvertierter Nerd auf mich wirkte - klar, er hat seine Ausbildung, seine Fähigkeiten, aber es ging mir um den ersten Eindruck auf mich als Zuschauer. Der erste Eindruck täuscht aber, wie diese Folge beispielhaft zeigt. Schon in den beiden darauffolgenden Folgen bemerken wir als Zuschauer (und natürlich auch Scully), dass er sehr wohl mehr kann - und wie wichtig seine Fähigkeit des Querdenkens und der intuitiven Ermittlung zur Lösung von Fällen ist. Oberflächlich kann man in der Tat sagen, na ja, wir lernen etwas über Mulders Vergangenheit, seine Empathie ist eben autobiographisch bedingt und damit auch "eigennützig", was sich aber im Laufe der Episode als zu einseitig herausstellt, weil es ihm in der Tat auch um Kevin geht. Aber der Focus der Folge liegt eben darin, zu zeigen, dass Mulder noch mehr Fähigkeiten besitzt, um "Akte X"-Fälle erfolgreich "zu lösen: er besitzt die Fähigkeit zur Empathie - notwendig, um mit den Opfern zu fühlen, sich aber auch in Gedankengänge eines Mörders hineinzuversetzen.Und deshalb ist - da ja auch ein Mörder letztlich ein "Außenseiter" ist, eine weitere Eigenschaft Mulders zentral:
"Conduit" zeigt hier durchaus Sympathie für Mulder. Bei aller Grobheit ist Mulders Kritik an den örtlichen Polizeibeamten gerechtfertigt, die dem Fall nicht nachgehen, weil Ruby schon in der Vergangenheit auffällig war. Auch hier sind die Augenzeugen wieder Außenseiter: Ein Mädchen mit problematischer Vergangenheit, eine Mutter, die im Ort keiner ernst nimmt, ein Biker. Mulder hat immer eine Tendenz, sich auf die Seite derer zu stellen, die sonst kein Gehör finden.
. George R.R. Martin hat in seinem Fantasy-Zyklus: "Das Lied von Eis und Feuer" dies ebenso übernommen wie Harry Potter (man denke an die "Maulende Myrthe"). Eine wichtige Eigenschaft der Empathie. Und diese Fähigkeiten sind eben zur Lösung solcher Fälle genauso wichtig wie Logik und Deduktion, wie etwa die Pater-Brown-Klassiker mit Heinz Rühmann ebenfalls aufzeigen, der mich in dieser Hinsicht - so verrückt es klingen mag - auch an Mulder erinnert.
Fazit: Mulder erweist sich hier erneut als vielschichtige und eben nicht eindimensonale Persönlichkeit. Ansonsten hat mir die Folge nicht so viel gegeben, die vorherigen Episoden haben mich emotional mehr gepackt.
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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon nevermore » 24. Nov 2018 12:18

Ich habe dem eigentlich nichts hinzuzufügen.

Leider sind in der ersten Staffel (und auch noch in der zweiten) ein paar Folgen drin, die man nicht unbedingt gesehen haben muss. Wie wollen wir weiter verfahren? Alle beackern, oder uns auf die sehenswerten beschränken? Die nächste wäre die erste der fraglichen.
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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon Bernhard Nowak » 24. Nov 2018 12:25

Ich denke, wir sollten alle Folgen besprechen - ich bin jetzt allererst bei "Conduit" angelangt, weil ich aufgrund Deiner - übrigens sehr guten - Reviews manche Folgen zweimal gesehen habe. Heute und morgen werde ich mir die nächsten beiden Folgen ansehen und die Besprechungen dazu lesen. Es kann ja doch sein, dass uns zu den Folgen - jede Review regt ja an - noch etwas einfält.
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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon nevermore » 24. Nov 2018 12:48

Gut. Dann werde ich mal zusehen, dass ich mit dem "Jersey Devil" bis morgen etwas hinbekomme. :)

Ein paar interessante Details noch aus den Produktionsnotizen zu "Conduit":
The massive image of abductee Ruby Morris seen in this episode was originally designed by Assistant Art Director Greg Loewen. However, colleague Vivien Nishi had to painstakingly alter the printed binary design to make it seem like an eight-year-old had drawn the image. The assignment took several days to complete, but the final image only appears for a few seconds.

http://x-files.wikia.com/wiki/Conduit
Chris Carter felt the episode's highlights were the ending and the realization by Scully that Mulder may not be a crackpot, feeling it was very important to the show in establishing its point of view. He also felt that the episode proved effective at highlighting that the series was told from Scully's point of view, citing instances of the character "pulling Mulder back" from his fringe theories and emotional attachment.

https://en.wikipedia.org/wiki/Conduit_(The_X-Files)#Production

Anscheinend kommt das Wirrwarr in der Episode nicht von ungefähr - von den Drehbuchautoren heißt es, es sei sehr schwierig für sie gewesen, und der Skript wurde achtmal umgeschrieben.
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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon nevermore » 24. Nov 2018 21:40

Folge 5, Staffel 1: "Der Teufel von Jersey / The Jersey Devil"

Drehbuch: Chris Carter
Regie: Joe Napolitano



In den Wäldern New Jerseys verschwindet ein Mann und wird tot und mit einem anscheinend von einem Menschen abgebissenen Oberarm aufgefunden. Mulder vermutet, es handle sich um den "Teufel von Jersey", ein Wesen, das örtlichen Legenden zufolge seit Jahrzehnten dort sein Unwesen treibt.

Akte X befasst sich in dieser Episode erstmalig mit alten Volkslegenden. Der historische Jersey Devil hat in den üblichen Beschreibungen allerdings nichts mit der wilden Frau hier in der Episode gemein, sondern ist ein echtes mythologisches Wesen, das den gängigsten Beschreibungen nach eher aussieht wie ein Känguruh mit Fledermausflügeln. (Allerdings existieren auch Varianten, die von "half man, half beast" und Ähnlichem sprechen.) Warum Carter sich dazu entschieden hat, hier eine Art Bigfoot-Verwandten daraus zu machen, ist unklar. M.J. Koven vermutet in "The X Files and Literature", dass Carter beabsichtigte, einen möglichen wahren Kern der Volkslegende zugrunde zu legen und die Geschichte so zu erzählen, dass sie in einem X-Files-Universum tatsächlich passieren könnte. Es gibt Zitate von Carter, die dafür sprechen:
Chris Carter wanted to focus this episode on an evolutionary relic, rather than a generic hairy creature. He noted, "The idea was not to make this a monster per se, but almost a missing link." (The Truth Is Out There: The Official Guide to The X-Files, p. 110) Carter further explained, "I wanted to say, 'What happens if there was some sort of genetic snafu that could actually send us tumbling backwards, where to survive we would actually have to revert to our old ways?' So I wanted this idea that there could be somebody living out there who was either a reversion or who would never have evolved to our point, and really was a simpler, and in a way, more complete human being.

http://x-files.wikia.com/wiki/The_Jersey_Devil

Die Episode beginnt mit einem historischen Fall im Jahr 1947, über den eine X-Akte existiert. Mulder nimmt die Existenz dieser X-Akte zum Anlass, sich in den Fall einzuschalten, der ihn ansonsten nichts angeht, sondern in die Zuständigkeit der örtlichen Polizei fällt. (In "Squeeze" verwendete er dasselbe Argument, um den Tooms-Fall an sich zu ziehen.) Der örtliche Polizeichef ist alles andere als begeistert über die Einmischung; wie sich später herausstellt, nicht nur, weil sich Mulder ohne triftigen Grund einschaltet, sondern weil er die Geschichte im Interesse der Stadt aus den Schlagzeilen halten will: Eine Mordserie durch ein die Stadt heimsuchendes Monster würde dem Tourismus in der Stadt schaden. Dass der Polizeichef Bescheid weiß, dass es sich nicht um "normale" Morde handelt, wird spätestens klar, als die Leiche des männlichen Jersey Devil aus der Autopsie verschwindet.

Scullys Versuche, Mulder von dem Fall abzubringen, indem sie ihn zum Anthropologieprofessor schleppt, bewirken eher das Gegenteil: Da der die Existenz eines solchen Wesens nicht komplett ausschließt und sogar über die Möglichkeit einer solchen Entdeckung ins Schwärmen gerät, ist Mulder danach erst recht entschlossen, der Sache nachzugehen (wofür er mit einer Nacht im Gefängnis bestraft wird).

Der Besuch beim Anthropologen enthält ein paar interessante Dialogzeilen:
MULDER: But what if something entered the food chain above us?
DR. DIAMOND: It won't happen, see our intelligence virtually insures us, barring the introduction of some alien life-form, we will live out our days as rulers of the world.

"Barring the introduction of some alien life-form" - eben das Thema, das Mulder vor allem umtreibt und um das es im Haupthandlungsbogen der Serie geht. Ein anderer Satz spielt eher auf die Monster of the Week-Folgen an:
MULDER: But, but what if through some fluke of nature, a human was born, who reverted to it's most animal instincts, a kind of carnivorous Neanderthal. Wouldn't he occupy a space above us on the food chain?

Solche "flukes of nature" sind in Akte X oftmals die Monsters of the Week; Mutanten, die aus irgendeinem Grund durch ihre Instinkte geleitet zu Mördern werden. Eugene Victor Tooms ist in dieser frühen Phase das offensichtlichste Beispiel.

Als unterschwelliges Thema der Episode schwingt mit, wie die Gesellschaft Außenseiter behandelt; in diesem Fall die am Rand der Stadt lebenden Obdachlosen, die von der Polizei mit der Gefahr, durch das Monster getötet zu werden, einfach allein gelassen werden. Dass Mulder sich zu ihnen begibt, sie ernst nimmt, und sein Motelzimmer mit einem von ihnen tauscht, kann einen schon nach den ersten vier Episoden nicht mehr überraschen. Die örtliche Polizei scheint diese Obdachlosen genauso wenig als Menschen zu betrachten, wie später die wilde Frau, die ohne Not einfach erschossen wird.

In der Nebenhandlung tut sich Scully etwas schwer mit der Entscheidung, ob sie nun "ein Leben haben" will oder nicht. Für ihren relativ biederen Familien- und Freundeskreis heißt das ganz offensichtlich, Ehemann und Kinder (jedenfalls ist ihre Tätigkeit beim FBI für die Verwandte / Freundin wohl "kein Leben", denn sonst müsste sie ja nicht eines suchen). Scully passt das zwar irgendwie nicht, andererseits möchte sie aber doch dazugehören und lässt sich auf das Date mit diesem Steuerberater ein. Das ist natürlich ein totaler Reinfall.

According to Chris Carter, the reasoning for the scenes in which Scully meets her best friend Ellen and discusses the possibility of dating Mulder was "to show the life she's passing on. I just wanted to open up Scully a little bit for the audience. [...] That was a little bit of experimentation. I wanted people to see that Scully had a feminine side, but also I wanted to play that against Mulder, how she felt about Mulder having his work [....] So it was a little bit of a chance to give the character some dimension. And I think for a lot of women, the 'man's world' is much more interesting than a 'woman's world.'

http://x-files.wikia.com/wiki/The_Jersey_Devil

Die Gegenüberstellung der beiden "Verabredungen" zum Essen mit dem Steuerberater und mit Mulder (als der aus dem Gefängnis kommt) ist interessant. Mit Mulder hat sie wieder allen möglichen Ärger, muss sogar das Essen für beide bezahlen, aber langweilig ist ihr da jedenfalls nicht. Die ganze Handlung zeigt ähnlich wie in "Squeeze", dass die junge Scully hier ziemlich zwischen den beiden Welten steht, und außerdem, dass in dieser Familie keiner versteht, wie sie tickt. Ein Date mit dem Steuerberater reichte ihr allerdings, beim nächsten Mal lässt sie ihn abblitzen und geht lieber mit Mulder zum nächsten Experten, einem Ethnobiologen. (Auch hier wieder die Parallele zu "Squeeze", als sie sich von ihrem Kollegen Colton abwendete.)

Mulders Reaktionen zeigen auch eine gewisse Ähnlichkeit mit seiner Haltung in "Squeeze", als Scully sagte, "you were acting very territorial". Er will sie hier an ihrem freien Wochenende für seine Untersuchung vereinnahmen, und als sie das ablehnt, reagiert er passiv-aggressiv. (Notiz am Rande: Die Episode enthält gleich am Anfang auch den meiner Erinnerung nach ersten Hinweis auf Mulders Porno- und Erotikmagazinfetisch.)

"The Jersey Devil" ist sicher eine der schwächeren Episoden der ersten Staffel - die so einige Holprigkeiten hat - trotz eigentlich interessanter Ideen. Ein Teil der Probleme resultiert aus Carters Drehbuch. Carter hat großartige Ideen, aber er ist nicht immer der beste Drehbuchautor, wenn es um die Umsetzung geht. Die Taktung der Episode lässt einiges zu wünschen übrig; manche Szenen haben Längen, während anderes zu kurz abgehandelt wird. Carter hat auch eine Tendenz, seine Figuren zu Sprachrohren seiner eigenen Weltsicht zu machen. Das ist hier besonders in den Szenen mit dem Anthropologieprofessor extrem. Die ganze Unterhaltung wirkt mehr wie eine Vorlesung als wie ein Gespräch, mit Mulder als Stichwortgeber, so dass Diamond seine Theorien über den universellen Mythos des Wilden Mannes ablassen kann. (In eine ähnliche Kategorie fallen die wiederholten Zitate, dass die Menschen sich seit der Steinzeit nicht viel weiter entwickelt haben.) Ein anderes Problem ist die Regie, die es einfach nicht schafft, bspw. in der Konfrontation im Lagerhaus die Gefährdung der Agenten und vor allem Mulders glaubhaft zu machen. Es ist schade, bei dem Thema wäre m.M.n. definitiv mehr drin gewesen. Ich gebe drei abgenagte Oberarmknochen dafür.
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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon Demona » 27. Nov 2018 00:10

So. Hat zwar bei mir etwas gedauert, u.a. auch, dass meine DVD-Player nicht so wollten wie ich...

Scully ist für mich die typische Intellektuelle, die alles nur rein wissentschaftlich sieht und dies auch nur so erklären kann. Sie ist anfangs auch nicht offen für Dinge, die man nicht rein wissenschaftlich erklären kann. Scully empfand ich als den introvertierten Charakter und Mulder als den extrovertierten.
Ich fand auch nicht, dass die Chemie zwischen den beiden nicht stimmte, auf eine ihr eigene Art bewundert sie Mulder.Sie versteht bzw. verstand nicht, warum Mulder seine Chancen und Möglichkeiten nicht nutzt(e) und sich in den X-Akten vergräbt.
Mulder reagiert sehr ironisch auf Scully und weiß sehr genau, warum sie seine Partnerin wurde. Er überascht sie schon alleine damit, dass er ihre Arbeiten gelesen hat und sich auch Hintergrundinformationen über sie besorgt hat. Mulder ist für mich jemand, der Dingen, ob nur erklärbar oder nicht, offen gegenübersteht - was sicher auch mit dem Erlebnis in seiner Kindheit, die Entführung seiner Schwester - im Zusammenhang steht. Ich mag Mulder, sein Humor ist zuweilen schon sehr britisch und Zynismus ist sein zweiter Vorname.

Man beachte auch die Folge, wo er erfährt, dass seine Eltern vor der Wahl standen, welches Kind "entführt" werden soll.


Berhard hat die Serie mit HP und GoT verglichen. Ich möchte da noch eine neuere Serie hinzufügen, geschrieben und produziert von Jonathan Nolan Person of Interest.

Sicher, die Folge ist von der Geschichte nicht besonders, aber als Einführung ist sie sehr gelungen.
"Möge Gott sein zwischen Dir und dem Leid, an allen verlassenen Orten, die Du erreichen wirst." (ägyptischer Segensspruch "Babylon 5")

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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon Demona » 27. Nov 2018 00:25

Die 2 Folge der 1. Staffel ist für mich aktueller den je. Gerade was da zur Zeit in Amerika abgeht - Rausschmiss eines Journalisten aus dem Weißen Haus, Trumps Behauptungen über Fake-News, Trumps Militarisierung an der mexikanischen Grenze und die Kippung des Dreamer Gesetzes sowie die Erhöhung des Militäretats.

Ich finde es schon sehr bezeichnend wie da zwei FBI-Agenten behandelt werden. ABER man sieht es auch heute - siehe Trump und seine Attakierungen gegenüber dem FBI.

Die Episode legt Wert darauf, das menschliche Drama der Piloten, das als Kollateralschaden vom Militär hingenommen wird, in den Vordergrund zu stellen. Col. Budahas wird seiner Familie entrissen, seiner Frau wird jeglicher Kontakt mit ihm verwehrt, sie ist nicht imstande, eine Spur von ihm zu finden. Fast noch schlimmer als ihre Verzweiflung, die sie schließlich das FBI rufen lässt, fand ich die Apathie und den Fatalismus, mit der die Frau des anderen geschädigten Piloten, Mrs. McLennen, reagiert. "The military deals with things in a certain way." Als ob die Tatsache, dass die Piloten sich freiwillig zur Verfügung gestellt haben und ihre Therapien bezahlt werden, es rechtfertigen würde, dass das Militär mit den Experimenten einfach so weiter macht, oder Budahas ohne Rechenschaft ablegen zu müssen einfach so verschwinden lässt.


Dies ist aber auch bezeichnend für Amerika. Bei Bush gab es damals einen Aufschrei der Entrüstung, wie man mit den Toten aus dem Golfkriegen und den psyschich und physisch angeschlagenen Soldaten umgeht, ganz zu schweigen von denen, die aus dem Dienst ausgeschieden waren.
Damals fand ja ein Reporter raus, dass bei den Abgeordneten der Republikanern nur einer dabei war, dessen Sohn sich als Soldat verflichet hatte.

Die ganze Serie ist sehr politisch und gleichsam etwas für Querdenker. Nicht umsonst kommt jetzt auch im Vorspann "The truth is out there".
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Re: Akte X - Staffel 1

Beitragvon Bernhard Nowak » 28. Nov 2018 20:43

Zum "Teufel in New Jersey" ist eigentlich schon alles gesagt.
Quelle zur Sage hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Jersey_Devil
Mir ist noch aufgefallen, dass es von Joe R. Landsdale einen Krimi gibt: "Die Wälder am Fluss". Es geht hier um eine Kriminalgeschichte in den USA Anfang der 30-ger Jahre - zur Zeit der großen Depression. Ein Mörder bringt Leute um und schiebt die Tat auf den sogenannten "Ziegenmann", ein Wesen mit Hörnern, aber menschlicher Gestalt, der an den Ufern des Flusses lebt. Am Ende ist es nicht der Ziegenmann, der die Morde begeht - die ein jugendlicher Protagonist im Stile von Tom Sawyer und Huckleberry Finn aufklärt, sondern der Serienkiller verbirgt sich als biederer Bewohner des Dorfes, der den mythischen Schauer zur Tarnung seiner Taten benutzt. Eine ähnliche Situation, wie sie sich hier stellt. Landsdales Roman erschien 2000, er dürfte sich Anregungen in dieser Folge geholt haben.
Buchtitel hier: https://www.amazon.de/Die-W%C3%A4lder-F ... 429&sr=1-2
"Walder Frey is many things - but a brave man - no!"
Tyrion Lannister in "Game of Thrones", Staffel 3, Folge 10
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